Mehr Netto vom Brutto
Bei der WM wurden sie erstmals erprobt, seit dieser Spielzeit gelten sie auch in der österreichischen Bundesliga. Neue Regeln rund ums Thema Zeitspiel sollen die Nettospielzeit erhöhen und das Spiel flüssiger machen. Nach zehn Runden nehmen wir uns die Zeit für ein erstes Fazit, ob diese Saison wirklich mehr gespielt wird.
Antony Smits stand in der 80. Minute an der Seitenauslinie und sah fassungslos zu, wie die Austria Wien im Spiel der Runde 7 einen Freistoß gegen seinen Grazer AK bekam. Eigentlich hätte er auf dem Platz stehen und mitspielen sollen. Durfte er aber nicht. Der Grund: Sein Teamkollege Christian Lichtenberger hatte bei seiner Auswechslung vierzehn Sekunden gebraucht, um den Platz zu verlassen, vier Sekunden zu viel. Vor dem Freistoß durfte Smits dann aufs Feld, zwei Sekunden später glich die Austria zum 2:2-Endstand aus (Szene oben im Video). GAK-Trainer Gerald Scheiblehner beschwerte sich im Sky-Interview nach Spielende über das Verhalten des Vierten Offiziellen, das für ihn „einfach respektlos“ war. In der konkreten Szene hätte er sich „nach 80 Minuten Vollgas“ mehr Nachsicht gewünscht. Er räumte aber auch ein, dass regeltechnisch alles korrekt zugegangen war.
Seit Sommer müssen Spieler bei ihrer Auswechslung das Feld nämlich innerhalb von zehn Sekunden verlassen. Geschieht das nicht, muss der Mitspieler am Spielfeldrand warten, mindestens eine Minute bis zur nächsten Spielunterbrechung. Die Wechsel zügig durchzuführen, stellt in den meisten Fällen kein Problem dar. Nur zweimal kam die neue Regel in der Bundesliga bislang zur Anwendung, das erste Mal beim Spiel zwischen Ried und Salzburg in Runde 6. Die Szene aus Graz zeigt eindrücklich, warum Spieler kein Interesse mehr daran haben können, bei ihrer Auswechslung Sekunden von der Uhr zu nehmen.
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Countdowns bei Abstößen und Einwürfen
Regelneuerungen wie diese sollen das Spiel flüssiger machen und die Nettospielzeit erhöhen. Außer bei Auswechslungen gilt auch bei Einwürfen und Abstößen ein Zeitlimit. Lässt sich die ausführende Mannschaft zu viel Zeit, kann der Schiedsrichter pfeifen und einen visuellen Fünf-Sekunden-Countdown starten. Ist nach dessen Ablauf immer noch nicht ausgeführt, geht der Ball an den Gegner über. Bei Abstößen, die zu lange dauern, gibt es Eckball; bei Einwürfen wechselt das Einwurfrecht. Ein Eckball ist so noch nicht entstanden, viermal hat ein Team laut Daten des Statistikanbieters Opta in dieser Saison so allerdings den Einwurf verloren.
Dass auch das gravierende Folgen haben kann, erlebte der WAC in seinem Heimspiel der vierten Runde: 1:0 führte das Team gegen den LASK, als sich René Renner bei einem Einwurf in der 53. Minute zu viel Zeit ließ. Der Einwurf ging an den LASK über und 80 Sekunden später glich der amtierende Meister aus. Das Gegentor leitete die 1:3-Niederlage der Kärtner ein.
Effekt nach zehn Runden spürbar
Für die Spieldauern der ersten zehn Runden ergibt sich aus den Daten von Opta ein klarer Trend. Die Nettospielzeit ist höher als in den vergangen drei Saisons. Insbesondere im Vergleich zur vergangenen Spielzeit zeigt sich ein deutlicher Anstieg. „Der Spielfluss hat sich insgesamt beschleunigt. Die neuen Regeln werden daher auch von den Spielern und Trainern positiv aufgenommen“, zieht Markus Hameter, Vorsitzender des ÖFB-Expertenkomitees für IFAB-Spielregeln, ein positives Fazit gegenüber Sky Sport Austria. Dass die Regeln einen Effekt zeigen, ist indes nicht nur in Österreich zu beobachten. In der Premier League ist die Zeit, die bei Einwürfen und Abstößen verloren geht, im Vergleich zu den Vorsaisons laut Opta gesunken.

Weniger Behandlungen
Ein deutlicher Effekt zeigt sich bei Spielunterbrechungen wegen Behandlungspausen. Ebenfalls seit Sommer gilt, dass Spieler, die am Platz behandelt werden, eine Minute warten müssen, bis sie aufs Feld zurückkehren dürfen. Gab es in den letzten drei Saisons in jedem Spiel durchschnittlich noch mindestens eine Verletzungsunterbrechung, ist dieser Wert in der aktuellen Spielzeit auf rund 0,5 gesunken. Statistisch gesehen muss somit nur noch jedes zweite Match wegen einer Behandlung am Platz unterbrochen werden. „Wir merken bei dieser Regel eine markante Veränderung: Dass Spieler Verletzungen vortäuschen, das haben wir nicht mehr“, so Hameter.
Gegenläufig ist der Trend bei der Länge dieser Unterbrechungen. Dauerten sie in den vergangenen drei Saisons durchschnittlich um die 90 Sekunden, beträgt die Länge in dieser Spielzeit rund 98 Sekunden. Dieser Anstieg könnte ein Indiz dafür sein, dass es nur noch bei ernsteren Verletzungen zu Spielunterbrechungen kommt. Die Gefahr, dass Mannschaften überhart spielen könnten, um durch Behandlungen bei gegnerischen Spielern in Überzahl zu kommen, sieht Hameter nicht. Denn für harte Fouls gebe es gelbe Karten, in deren Folge der verletzte Spieler nach seiner Behandlung laut Regelwerk nicht vom Feld muss.

Und auch wenn die Dauer der Pausen gestiegen ist, insgesamt wird doch weniger gewartet. Die Dauer aller Verletzungsunterbrechungen zusammen betrug vergangene Saison mehr als siebeneinhalb Stunden. Rechnet man hingegen die Zahlen für 2026/27 auf die gesamte Spielzeit hoch, kommen nur mehr zweieinhalb Stunden zusammen. De Zahlen weisen also in die gewünschte Richtung, der Spielfluss hat merklich zugenommen. Ob dieser Trend sich langfristig durchsetzt, wird der weitere Saisonverlauf zeigen.

