Profisport ohne Profi‑Alltag: Die strukturelle Benachteiligung von Frauen im Sport
Die strukturelle Benachteiligung von Frauen im Sport zeigt sich besonders deutlich bei den Themen Entlohnung und Sichtbarkeit. Zwar sind in einigen Sportarten Fortschritte erkennbar, doch von echter Gleichstellung kann weiterhin keine Rede sein.
International gilt der Fußball als prägnantes Beispiel: Der Weltverband FIFA hat die Preisgelder für die Frauen‑Weltmeisterschaft von 2019 auf 2023 zwar verdreifacht, dennoch liegen sie weiterhin bei nur rund einem Drittel jener der Männer‑WM. Einzelne nationale Verbände – darunter England, Norwegen, Spanien und die USA – zahlen ihren Frauen‑ und Männer‑Nationalteams inzwischen gleich hohe Prämien. Doch diese Modelle sind nach wie vor die Ausnahme.
Wie groß die Schere tatsächlich ist, zeigt ein Blick auf den globalen Sportmarkt. 2025 befand sich unter den 100 bestbezahlten Sportlern der Welt keine einzige Frau. Die Liste wird fast ausschließlich von Männern aus den Bereichen Fußball, NFL, Basketball, Golf und Boxen dominiert und erreichte ein geschätztes Gesamteinkommen von rund 6,05 Milliarden US‑Dollar.
Auch in Österreich ist Profisport für Frauen deutlich seltener existenzsichernd. Laut der europaweiten All In Plus‑Studie können nur 34 Prozent der Athletinnen, die im Leistungssport aktiv sind, davon ihren Lebensunterhalt bestreiten – im Gegensatz zu 66 Prozent bei den Männern. Unterschiede zeigen sich dabei nicht nur bei Spielergehältern, sondern ebenso bei Trainer‑ und Funktionärspositionen, die weiterhin überwiegend von Männern besetzt sind.
Erfolg ist für viele Sportlerinnen keine Garantie für Sicherheit.
Medien als Machtfaktor
Dass wirtschaftliche Ungleichheiten so hartnäckig bestehen bleiben, hängt eng mit der medialen Berichterstattung zusammen. Mehrere Studien belegen: Frauensport ist in österreichischen Medien nach wie vor massiv unterrepräsentiert.
Eine Medienanalyse von MediaAffairs von 2024/25 zeigt, dass Sportlerinnen in Print‑, Online‑ und TV‑Berichterstattung im Schnitt nur rund 21 Prozent der gesamten Sichtbarkeit erhalten. Rund 79 Prozent der Sportberichterstattung entfallen auf Männer. Besonders deutlich wird diese Schieflage beim sogenannten Equal Play Day: Er markiert jenen Tag im Jahr, ab dem statistisch gesehen kein Frauensport mehr in den heimischen Medien vorkommt. 2026 fiel dieser Tag in Österreich auf den 18. März.
Zwar sorgen Großereignisse wie Olympische Spiele oder Fußball‑Weltmeisterschaften kurzfristig für mehr Aufmerksamkeit, doch solche Höhepunkte bleiben selten nachhaltig. Nach Ende dieser Großveranstaltungen sinkt die mediale Präsenz von Frauen rasch wieder auf das gewohnt niedrige Niveau.
Sichtbarkeit wird damit zur entscheidenden Währung – nicht nur für Reichweite, sondern auch für Sponsoren, Förderstrukturen und langfristige Professionalisierung.
Sichtbarkeit als Ausnahme – nicht als Normalität
Wenn Lisa Marchl über Fraueneishockey in Österreich spricht, tut sie das ohne Illusionen. Zwar habe sich in den vergangenen zwei Jahren „durch Social Media und einzelne TV‑Übertragungen etwas bewegt“, sagt die Assistant Captain der Highlanders Kapfenberg gegenüber Sky, doch echte strukturelle Veränderungen seien kaum spürbar. Vor allem dort, wo es um Sponsoren, Wertschätzung und nachhaltige Finanzierung geht, bleibe vieles beim Alten.
Ein Beispiel nennt Marchl bewusst provokant: „Spielerinnen bekommen für eine Best‑Player‑Auszeichnung einen Regenschirm – im Finale dann eine Schokolade dazu. Das ist einfach peinlich.“
Auch organisatorische Entscheidungen würden häufig an den Bedürfnissen des Frauensports vorbeigehen. Das Final‑4‑Turnier der höchsten österreichischen Fraueneishockeyliga wurde am Osterwochenende angesetzt. „Am Karfreitag oder Karsamstag kommen kaum Zuschauer. Heuer waren fast nur Familie und Freunde in der Halle – das ist traurig für die höchste Liga Österreichs.“
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Leistungssport ohne Profi‑Alltag
Sportlich arbeitet das Team der Highlanders Kapfenberg unter professionellen Bedingungen: fünf Trainingseinheiten pro Woche, fixe Strukturen, eigene Kabinen. „Vom sportlichen Niveau her sind wir sehr professionell unterwegs“, betont Marchl.
Finanziell sieht die Realität jedoch völlig anders aus. Die 29‑Jährige ist seit 15 Jahren im Verein – bezahlt wird sie nicht. Neben dem Eishockey arbeitet sie als Lehrerin, Urlaubstage gehen für Spiele, Sponsorentermine oder Auswärtsfahrten drauf.
Diese Mehrfachbelastung ist typisch für viele Sportlerinnen in Österreich, insbesondere in medial weniger präsentierten Sportarten. Der Leistungssport existiert – ein professioneller Alltag jedoch nicht.
Spitzensport mit Ablaufdatum
Auch im Eiskunstlauf ist der Spagat zwischen sportlichen Ambitionen und wirtschaftlicher Realität allgegenwärtig. Die österreichische Spitzenläuferin Olga Mikutina trainiert auf internationalem Niveau, studiert parallel Betriebswirtschaft an der Montclair State University in den USA und pendelt zwischen zwei Kontinenten.
„Meine Reisen und Trainings werden vom Verband bezahlt, aber verdienen tue ich dabei nichts“, sagt Mikutina offen. Ein Studium sei notwendig, weil die Karriere im Sport zeitlich begrenzt sei und kaum finanzielle Absicherung biete.
Dabei zählt Eiskunstlauf zu den anspruchsvollsten Sportarten: komplexe Sprungfolgen, hohe Verletzungsgefahr, enorme mentale Belastung. Dennoch kämpfen Athletinnen in Österreich mit infrastrukturellen Defiziten. „Das Ziel wäre es, in allen Bundesländern geschlossene Eishallen zu haben“, sagt Mikutina – damit Kinder ganzjährig trainieren können.
Der Blick über die Grenze
Auch im Volleyball zeigt sich, wie stark der Stellenwert von Frauen vom jeweiligen Kontext abhängt. „Die Sichtbarkeit ist in Österreich extrem niedrig. Es gibt kaum professionelle Strukturen, von Volleyball zu leben ist praktisch unmöglich“, sagt Nationalteamspielerin Dana Schmit. Bereits mit 17 Jahren verließ sie Österreich, um ihren Traum vom Profisport zu verfolgen – seit über zehn Jahren spielt sie nun im Ausland.
Dort erlebe sie einen völlig anderen Zugang. „In Ländern wie Italien, Deutschland oder Polen hat Volleyball einen hohen Stellenwert, die Hallen sind voll, die Medienpräsenz ist entsprechend.“ Positiv hebt Schmit die Entwicklung im Nationalteam hervor, wo mittlerweile Gleichberechtigung bei Taggeld, Versicherung und medialer Sichtbarkeit herrsche. „Auf Vereinsebene in Österreich fehlt es aber weiterhin an nachhaltiger Professionalität.“
Strukturen machen den Unterschied
Dass es im österreichischen Frauensport auch anders gehen kann, zeigt ein Blick auf den Skicross. Dort erhalten Damen und Herren gleiches Preisgeld – ohne Unterschiede bei Prämien oder anderen sportlichen Vergütungen. „Wir fahren den gleichen Kurs wie die Herren, deshalb finde ich es nur richtig, dass wir auch das gleiche Preisgeld bekommen“, sagt Skicross‑Athletin Christina Födermayr gegenüber Sky. Das Preisgeld reicht je nach Veranstalter bis zum achten oder zehnten Platz. „Wenn man konstant vorne dabei ist, kann man davon leben“, erklärt ihre Kollegin Katrin Ofner.
Doch auch dieses Modell hat klare Voraussetzungen. Viele Sportlerinnen sind über sogenannte Behördenplätze – etwa beim Bundesheer oder bei der Polizei – angestellt und erhalten dadurch ein fixes Einkommen, Versicherungsschutz und soziale Absicherung. „Für mich ist das enorm wichtig, sonst könnte ich das Ganze nicht schon so lange machen“, sagt Ofner. Gleichzeitig sind viele Athletinnen selbstständig gemeldet, zahlen Sozialversicherung und Steuern in Österreich und bestreiten ihren Lebensunterhalt aus einer Kombination aus Preisgeld, Sporthilfe und Sponsoren. Födermayr betont zudem die mediale Gleichbehandlung im Skicross: „Wir Damen sind gleich präsent wie die Herren. Wir geben genauso 100 Prozent – auch wenn wir andere körperliche Voraussetzungen haben. Dass das in unserer Sportart wertgeschätzt wird, macht den Unterschied.“
Der Vergleich zeigt: Strukturelle Gleichstellung ist möglich – sie braucht aber klare Rahmenbedingungen. Und genau diese fehlen in vielen anderen Sportarten weiterhin.
Kurz gesagt
Geschlechterungleichheit im Sport ist kein Randthema einzelner Disziplinen. Sie zieht sich durch Entlohnung, mediale Sichtbarkeit, berufliche Absicherung und Entscheidungsebenen. Für viele Sportlerinnen bedeutet das bis heute: Höchstleistung unter Bedingungen, die nicht auf Professionalität ausgelegt sind.
Beitragsbild: Imago