Scheib beendet die nächste lange ÖSV-Durststrecke
Julia Scheib entwickelt sich im Olympiawinter zur Serientäterin. Mit ihrem bereits dritten Weltcup-Saisonsieg merzte das Ski-Ass am Semmering die nächste ÖSV-Scharte nach jener in Sölden aus.
Zwei Monate nachdem sie als erste Österreicherin seit fast zehn Jahren oder 79 Rennen wieder einen Weltcup-Riesentorlauf gewinnen konnte, trat die Steirerin am Samstag in die Fußstapfen von Anna Veith und kürte sich zur ersten heimischen Zauberberg-Siegerin seit 13 Jahren.
„Es war ein ordentlicher Arbeitstag“, befand Scheib am Ende ihres Medienmarathons. „Ich war relativ cool, ich habe die Ruhe gefunden und hatte einen klaren Plan.“ Obwohl das Gefühl während des Fahrens nicht das beste gewesen sei, habe sie im unteren Teil der immer ruppiger werdenden Piste „die Killerlinie“ gefunden. Mit 27 Jahren scheint sie auch die taktische Reife einer Seriensiegerin erlangt zu haben. „Es ist generell der Schlüssel, dass man gewisse Passagen schlau fährt. Das kann ich momentan sehr gut einschätzen. Ich habe auch eine sehr gute Gesprächsbasis mit den Coaches.“
Scheib genießt den Kugelkampf mit Robinson
Nicht zuletzt erreichte die Athletin aus Frauental im Bezirk Deutschlandsberg ihr großes Ziel, mit dem Roten Trikot vom kleinen Pass an der niederösterreich-steirischen Grenze abzureisen. Nach fünf von zehn Saisonriesentorläufen führt sie in der Disziplinwertung 88 Punkte vor der Neuseeländerin Alice Robinson, die am Semmering bereits im ersten Durchgang ausschied. „Es war eine gute Halbzeit. Aber es sind noch einige Rennen, und es kann noch sehr viel passieren. Mich hat es in Tremblant erwischt, es bewegt sich alles am Limit.“
Als selbsterklärter „Wettkampftyp“ genießt Scheib den Infight mit Robinson. „Es macht Spaß. Weil ich weiß, es braucht mein bestes Skifahren, sonst reicht es nicht.“ Der Ausfall der großen Konkurrentin habe ihren Zugang für den zweiten Durchgang vielleicht ein wenig verändert. „Wenn du weißt, da fährt eine so am Limit und quetscht alles raus, dann musst du es auch machen.“
Rasanter Aufstieg „ein bisschen surreal“
Ihr neues Standing als Weltcup-Siegerin und Leaderin im ÖSV-Team sei immer noch ein bisschen surreal. „Man arbeitet das ganze Leben darauf hin. Irgendwie musste ich lange drauf warten, aber auf der anderen Seite ist es doch plötzlich und ein bisschen überraschend gekommen.“ Um das alles zu verfestigen, brauche es noch Zeit, sagte Scheib, die seit Saisonbeginn mit dem ehemaligen Servicemann von Tamara Tippler arbeitet. „Seit Sölden im Oktober ist nicht wahnsinnig viel Zeit vergangen.“
Scheib gehört der Riesentorlauf-Weltcupgruppe des ÖSV seit 2018/19 an. Zu dem Zeitpunkt war sie 20, schon als 16-Jährige hatte sie ihren ersten Kreuzband- und Meniskusriss erlitten, 21 folgte der nächste und bisher schwerste Rückschlag mit einem erneuten Totalschaden im Knie. Nach dem zweiten Kreuzbandriss musste sie fast zwei Jahre für ihr Comeback arbeiten. Aktuell erntet sie die Früchte dieser mühseligen Arbeit zurück an die Spitze – auch in finanzieller Hinsicht: Für ihren Semmering-Sieg erhielt Scheib 54.709 Euro. Mit knapp 190.000 Euro hat sie in diesem Olympia-Winter bereits mehr als doppelt so viel Preisgeld eingefahren wie in all ihren sechs Weltcup-Jahren davor (83.000).
(APA) Foto: GEPA
