Schick exklusiv: Heimsieg gegen Sturm „muss unser Anspruch sein“
Der Saisonstart des SK Rapid ist mit neun Punkten aus sieben Runden zwar ausbaufähig, dennoch spürt man in dieser Saison eine gewisse Aufbruchstimmung in Hütteldorf. Sky Reporter Eric Niederseer hat mit einem Führungsspieler gesprochen, der bereits seine fünfte Spielzeit in Grün-Weiß bestreitet.
Thorsten Schick sprach im ausführlichen Sky-Interview über die Emotionen nach der Cup-Niederlage, seinen auslaufenden Vertrag, neuerlichen „Titel-Hunger“, den kommenden Gradmesser gegen seine alte Liebe SK Sturm Graz und eine persönliche „Kampfansage“ hinsichtlich EM 2024.
Sky: „In den vergangenen Wochen haben Sie muskuläre Probleme an der Wade außer Gefecht gesetzt. Wie geht es Ihnen und sehen wir Sie gegen Sturm wieder zurück auf dem Platz?“
Thorsten Schick: „Im Fiorentina Spiel hatte ich einen leichten Faserriss in der Wade. Es ist eine etwas unangenehme Stelle, die mir Probleme bereitet hat. Aber ich bin auf einem guten Weg, trainiere schon wieder und mache Fortschritte. Ob es sich für Sonntag ausgeht, wird man erst sehen. Das kann ich Stand heute noch nicht sagen“.
„Zunächst ein Blick auf Ihre persönliche Bilanz in dieser Spielzeit: 8 Pflichtspiele, 6 Assists. Sie sind mitunter eine der positiven Erscheinungen dieser Saison – Woran liegt das?“
„Ich habe mich in der Vorbereitung einfach vom ersten Spiel weg am Platz wohlgefühlt. Ich identifiziere mich mit der Spielidee, mit unserer neuen Ausrichtung und mag die Art und Weise, wie ich die Rolle des Außenverteidigers offensiv interpretieren kann. Es hat in den ersten Spielen brutal viel Spaß gemacht und ich fühle mich körperlich in einem extrem guten Zustand. Eine Verletzung kommt natürlich immer zu einem blöden Zeitpunkt. Vor allem, weil ich dem Team in den ersten Spielen mit meiner Leistung und den Scorern helfen konnte. Aber ich bin positiv gestimmt, dass ich bald wieder an meine Leistungen anknüpfen und dem Team helfen werde“.
„Graz wird immer ein spezieller Platz für mich sein“
„Es ist zwar bereits ein paar Jährchen her, dass Sie für den SK Sturm Graz (66 Pflichtspiele zwischen 2014 und 2016) aufgelaufen sind, sind solche Spiele dennoch emotional immer etwas Besonderes?“
„Es ist kein Geheimnis, dass ich gebürtiger Grazer bin. Graz ist mein Hauptlebensmittelpunkt und wird es auch immer sein, weil meine Engsten dort leben. Ich habe meine Jugend in diesem Verein verbracht. Graz wird immer ein spezieller Platz für mich sein, deswegen sind auch die Sturm-Spiele immer etwas Besonderes. Ich freue mich jetzt aber, dass ich bereits in meine fünfte Saison bei Rapid gehe. Ich identifiziere mich extrem mit dem Verein und sehe mich mittlerweile als ‚Grüner‘. Aber es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, es ist ein Spiel wie jedes andere. Dennoch will ich es wie jedes andere Spiel auch gewinnen“.
„Kein Spiel wie jedes andere war definitiv auch das Duell in Runde 31 gegen den SK Sturm vergangene Saison, als ein 0:2 noch in ein 3:2 gedreht wurde – die vieltitulierte beste Rapid-Leistung der vergangenen Saison: Wie haben Sie dieses Duell in Erinnerung?“
„Es war von der Leidenschaft, Mentalität und dem Willen her ein brutales Spiel von uns, speziell in dieser schwierigen Phase der vergangenen Saison. Viele haben nach dem 0:2 nicht mehr auf uns gesetzt, da wohl nicht nur bei uns, sondern bei vielen anderen noch das Cupfinale im Kopf war. In diesem Spiel hat man gesehen, zu was wir im Stande sind, auch zu Hause. Auch in dieser Saison hat man das schon gesehen, dass wir zu Vielem im Stande wären, wenn die Dinge zusammenpassen“.
Heimsieg gegen Sturm als Anspruch – „Bewiesen, dass wir auf Augenhöhe sind“
„Apropos ‚zusammenpassen‘ – Was muss am Sonntag alles passen, um Sturm gefährlich zu werden?“
„Gefühlt waren alle Spiele in der letzten Saison und davor immer enge Duelle gegen Sturm. Kleinigkeiten haben oft den Ausschlag gegeben. Leider ist das Momentum oft zu Sturm übergesprungen. Aber wir haben in den direkten Duellen immer bewiesen, dass wir auf Augenhöhe sind und Kleinigkeiten entscheiden. Sturm geht seinen Weg konsequent in den letzten Jahren und genau in so einem Prozess befinden wir uns gerade. Derzeit machen wir es den gegnerischen Mannschaften leider Gottes oft zu leicht, sind oft noch nicht so abgeklärt wie man sein sollte, wenn man sich als Spitzenmannschaft deklarieren möchte. Da fehlt es uns. Aber wir haben gesehen, zu was wir im Stande sind, wenn wir unser Bestmögliches auf den Platz bringen. Unser Anspruch muss es sein, dass wir dieses Spiel am Sonntag zu Hause gewinnen“.
Zuversicht trotz teils mangelnder Cleverness: „Die Punkte werden kommen, hundertprozentig“
„Wenngleich die Entwicklung in dieser Saison sehr positiv ist, ist der Saisonstart punktemäßig nicht das, was man sich vorgestellt hat – Woran hapert es Ihrer Meinung noch?“
„Im Vergleich zu letzter Saison sieht man einen sehr großen Unterschied und merkt diesen vor allem, wenn man selbst am Feld steht. Dennoch machen wir zu viele leichte Fehler oder bieten dem Gegner zu viele leichte Tore. Wir schaffen es noch nicht, diese komplette Siegermentalität über 90 Minuten auf den Platz zu bringen. Diese Gier haben wir noch nicht, dass wir Gegner wie den WAC nach der 2:0-Führung abschießen. Da fehlt es uns noch an der Cleverness, das ist manchmal noch jugendlicher Leichtsinn. Wir haben eine junge, teils unerfahrene Truppe, die von einer hohen Anzahl an Bundesliga-Spielen weit entfernt ist. Das ist ein Prozess, den wir durchlaufen. Klar fehlen die Punkte in der Meisterschaft, aber summa summarum war es ein guter Start. Wir wissen zwar, dass es ein Ergebnissport ist, aber ich habe lieber diese Entwicklung in den ersten Wochen und Monaten gesehen. Das mit den Punkten kann man ändern, die Punkte werden kommen, hundertprozentig. Aus solchen Fehlern werden wir lernen. Ich habe eine solche Situation lieber jetzt am Anfang der Saison als dann am Ende. Die Richtung stimmt absolut. Es hat sich was verändert, das spürt man auch von außen. Nun müssen wir einfach den Schalter umlegen und es schaffen, dass wir diese Spiele nach Hause bringen“.
„In den nächsten zwei Runden warten mit Sturm und dem Derby zwei Gradmesser. Würden Sie sagen, dass bereits Druck da ist, punkten zu müssen?“
„Wir brauchen nicht um den heißen Brei herumzureden, es ist eine Drucksituation. Einerseits ist bei Rapid immer Druck da. Jeder kann sich die Tabelle ansehen. Noch dazu haben wir dazwischen ein wichtiges Cup-Spiel, wo wir letzte Saison alle Blut geleckt haben. Da wollen wir alle wieder hin, es besser machen als letztes Jahr und das Ding gewinnen. Jedoch sind wir alle gut beraten, wenn wir uns auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Ich bin von der Qualität im Team so überzeugt, dass wir es hundertprozentig so gestalten werden, dass wir die kommende Woche positiv abschließen“.
„Nun zu einem anderen Thema: In der Defensive sowie auch auf Ihrer Rechtsverteidiger-Position hat man sich mit Neraysho Kasanwirjo verstärkt. Wie empfinden Sie den derzeitigen Konkurrenzkampf?“
„Es war einerseits wichtig, dass wir uns noch verstärken, weil uns die Neuzugänge einfach mehr Qualität in der Breite bringen. Im Endeffekt bin ich seit meinem 18. Lebensjahr Profi und hatte noch nie die Situation, dass ich auf meiner Position alleine bzw. ohne Konkurrenz war. Jeder will natürlich spielen. Ich glaube es war wichtig, dass wir uns verstärkt haben, denn wir brauchen über die Saison hinweg und für unsere Ziele einen breiten, qualitativen Kader“.
Cup-Titel als klares Ziel: „Wir haben Blut geleckt“
„Immer wieder wird von den Verantwortlichen als vorläufiges Ziel der Einzug in die Meistergruppe nach außen transportiert – aber jetzt mal ehrlich: Wie groß ist der Hunger im Team, endlich wieder einen Titel nach Hütteldorf zu bringen?“
„Er ist extrem, wenn man das Cupfinale letztes Jahr erlebt hat! Was das für ein spezieller Tag rund um das Endspiel war! Ich glaube, das möchte jeder nochmal erreichen, diesmal mit einem besseren Ausgang. An diesem Tag haben wir gesehen, wie hässlich dieser Sport sein kann. Es war ein richtiges Scheißgefühl, so ein Ding zu verlieren. Dennoch haben wir alle Blut geleckt. Wir haben uns direkt danach eingeschworen, dass wir das nochmal erleben wollen. Das ist unser ganz klares Ziel. Was die Meisterschaft betrifft, sind die ersten Sechs natürlich der erste Step. Das heißt aber natürlich nicht, dass ich Sechster werden will. Dass wir im Konzert der Großen mitspielen wollen und sollen ist logisch“.
„Dennoch muss ich mit Ihnen über ein weiteres leidiges Thema sprechen: die Verletzung Ihres Freundes Guido Burgstaller. Wie sehr fehlt er dem Team, sportlich sowie auch menschlich?“
„Dass einem der wahrscheinlich beste Spieler der letzten Saison in der gesamten Bundesliga fehlt, ist logisch. Natürlich fehlt er und wir brauchen nicht herumreden, dass wir ihn nicht gleichwertig ersetzen. Wir müssen ihn anders ersetzen. Er trainiert fleißig und arbeitet am Comeback. Er gibt Alles, was er kann, ist gefühlt bei allen Besprechungen immer dabei. Am Spielfeld fehlt er jedoch mit seiner Erfahrung, der Mentalität und seinem unbändigen Willen, die Dinge zu gewinnen. Diese Siegermentalität hat uns in letzten Spielen noch mehr gefehlt. Wir müssen die Situation jedoch annehmen wie sie ist. Und jeder einzelne seine Rolle so interpretieren, dass er sich unterordnet und der Mannschaft hilft“.
Schick vor dem Vertragsende – „Bin nicht abgeneigt, noch länger zu bleiben“
„Natürlich müssen wir auch über Ihre persönliche Zukunft sprechen – Ihr Vertrag läuft am Saisonende aus. Sehen wir Thorsten Schick nächstes Jahr noch in grün-weiß?“
„Im nächsten Jahr sicher, weil ich noch Vertrag bis Mai habe („lacht“). Ich habe gelernt, dass ich in einem Alter bin, wo man nicht zu viel in die Zukunft blicken soll. Mein voller Fokus gilt zunächst, dass ich wieder fit werde und der Mannschaft helfen kann. Ich fühle mich hier irrsinnig wohl, solange ich spielen kann und will. Wie lange das sein wird, weiß ich noch nicht. In meinem Kopf ist der Mai nächstes Jahr noch nicht präsent. Jetzt gilt es erstmal fit zu werden, dann werde ich mir langsam über alles andere Gedanken machen. Was ich sagen kann, ist, dass mir der Verein extrem ans Herz gewachsen ist und ich dankbar bin, dass ich so lange da sein darf. Ich bin nicht abgeneigt, noch länger da zu bleiben“.
Die Nominierung zur EM als logische Konsequenz?
„Die EM nächstes Jahr steht an, Österreich hat bereits einen großen Schritt Richtung Endrunde gemacht. Wie gut würde ein Thorsten Schick dem ÖFB-Team in Deutschland zu Gesicht stehen?“
„Ich sage mal so (mit einem Schmunzeln im Gesicht): Wenn ich meinen Schnitt bis Saisonende halten sollte, dann muss es zwar der Teamchef entscheiden, aber dann kann er mich nicht mitnehmen. Wenn ich den Schnitt halten kann, rechne ich ganz klar mit der Einberufung („lacht“)“.
Sky: „Vielen Dank für Ihre Zeit und alles Gute für die kommenden Aufgaben!“
Bild: GEPA
