Sky exklusiv || Gucher: "Italiens Fußball ist in einer Chaosphase"

Sky exklusiv || Legionär Gucher: „Italiens Fußball ist in einer Chaosphase“

„Italien-Experte und Italien-Export“ Robert Gucher kennt den italienischen Fußball wie kaum ein anderer Österreicher. Seit mittlerweile fast 20 Jahren ist Italien seine sportliche Heimat.

Im ausführlichen Gespräch mit Sky-Reporter Eric Niederseer spricht der Treviso-Kapitän über seine Erfahrungen im italienischen Fußball, die besonderen Herausforderungen für österreichische Legionäre, die aktuelle Situation des italienischen Fußballs, sowie die Transfers von Romano Schmid, Florian Grillitsch und Elias Havel.

Zudem erklärt Gucher, warum er seine Erfahrung und sein Netzwerk künftig nutzen möchte, um den Fußball zwischen Österreich und Italien stärker zu verbinden.

Sky: „Sie haben mit 17 Jahren den Schritt nach Italien gewagt: Warum hat Sie damals der italienische Fußball so in den Bann gezogen?“

„Ich muss ehrlicherweise sagen, dass der Schritt damals spontan entstanden ist, weil mein Transfer zu Aston Villa aufgrund zu hoher Ablöseforderungen des GAK nicht zustande kam. Der GAK wollte mich dann aber unbedingt nach Udine bringen. Aber auch der Chefscout von Frosinone war zu dieser Zeit sehr gut über die Nachwuchsnationalteams informiert und war von Didi Elsneg und mir begeistert. Somit hat sich dann das Paket ergeben, dass sie uns beide geholt haben. Das war mit 16, 17 Jahren schon ein spannender Schritt und nicht so normal – tausend Kilometer weg von daheim, ohne ein Wort Italienisch zu sprechen. Aber ich habe dann für mich einfach entschieden: Auf ins Abenteuer.“

„Und dieses Abenteuer hat bis heute nicht mehr aufgehört. Sie haben es bereits angedeutet: Wie schwierig war dieser Schritt dennoch für einen so jungen Spieler und welchen Rat geben Sie Österreichern, die es Ihnen gleichtun wollen?“

„Ich glaube, nach fast 20 Jahren in Italien habe ich den Weitblick erlangt, dass man aufpassen muss, was man mit Italien verbindet. Die Unterschiede zwischen Vereinen im Süden, Norden, der Toskana oder Sizilien – das sind einfach unterschiedliche Welten. Ein gleicher Tipp gilt sicherlich nicht für alle Regionen. Für mich ist es zu Beginn ein gewisser Kulturschock gewesen. In Italien wird auf andere Dinge Wert gelegt. Aber ich glaube, wenn man es schafft, sich anzupassen, bekommt man vom Italiener alles, was er geben kann. Wenn sie spüren, dass man sich eingliedern will, wirst du auch als Ausländer geschätzt. Das ist meiner Meinung nach auch ein Grund, dass viele Ausländer nach kurzer Zeit wieder weggehen, weil sie den italienischen Zugang nicht verstehen. Man muss sich hier wirklich durchbeißen und aus sportlicher Sicht einfach besser sein als ein Italiener, um weiterzukommen.“

„Zuerst die Roma, dann die Mama“ – Italien & die besondere Liebe zum Fußball

„Was würden Sie nach fast 20 Jahren in Italien und als gefühlter ‚Halb-Italiener‘ jemandem mitteilen, der die sportlichen Gegebenheiten dort nicht so am Schirm hat?“

„Tradition, Leidenschaft, Leben für den Fußball, eine Euphorie. In Italien wird ein ganz anderer Zugang als bei uns gelebt. In Rom zum Beispiel sagt man immer: ‚Zuerst gibt’s die AS Roma und dann erst die Mama.‘ Das dient nur als Beispiel, dass man sich ungefähr vorstellen kann, wie der italienische Fußballfan tickt. Zudem ist der mediale Fokus brutal, auch bei den kleinen Vereinen, für die ich gespielt habe. Hier hast du täglich einen Zeitungsbericht, täglich sind unzählige Fans beim Training. Grundsätzlich sind ja nur die ersten drei Ligen von Serie A bis Serie C Profiligen, aber auch in der 4. Liga gibt es Traditionsvereine, die aufgrund von Konkursen abgestiegen sind und nach wie vor als Profivereine geführt werden. Wenn man vor Ort ist, kriegt man von jedem Verein etwas mit, weil so viel Druck und Medieninteresse da ist. Das ist ein Mitgrund, warum es junge Spieler nicht so einfach haben.“

„Sie haben in Ihrer Zeit in Italien quasi alle Phasen des italienischen Fußballs erlebt – von der erfolgreichen Phase bis hin zum Niedergang, geprägt von Skandalen. Wie würden Sie die jetzige Phase, auch in Verbindung mit dem Nationalteam, bezeichnen?“

„Ich glaube, dass man in einer Chaosphase ist. Man braucht sich nur die letzten zwei Wochen des Nationalteams ansehen. Mit Maldini hat man jetzt endlich einen Mann, der Dinge klar anspricht. Jetzt merkt man erst richtig, welche Verbindungen im Hintergrund gelaufen sind. Die Fesseln beginnen sich schön langsam wieder zu lösen, sodass wieder der richtige Spirit reinkommt, der zu Erfolg führen kann. Es muss ein Umdenken stattfinden, aber dafür muss das Eigeninteresse einiger Personen weichen. Es ist wichtig, anstelle von einem Standardsystem wieder auf individuelle Klasse zu bauen, um wieder Del Pieros oder Baggios rauszubringen. Ich glaube, dass der italienische Fußball noch immer im Chaos steckt. Früher hat man nicht gewusst, wo der Ausweg ist. Mittlerweile sieht man ihn, weiß aber noch nicht, wie man dorthin gelangt.“

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Aufstieg mit Treviso „gleicht einem Märchen“

„Kommen wir zu Ihrem persönlichen Highlight der vergangenen Saison: Sie haben Treviso als Kapitän nach 13 Jahren wieder in den Profifußball zurückgeführt. Wie ordnen Sie, unter allen vier Aufstiegen, die Sie erlebt haben, diese Momente ein?“

„Ich muss ganz ehrlich sagen, dass es eines der größten Dinge war, die ich je für mich selber geschafft habe. Ich habe vor der vorigen Saison mit dem Transfer zu Treviso einen Schritt gesetzt, den ich mir nie hätte vorstellen können. Dieser Schritt in die 4. Liga hätte in eine komplett andere Richtung gehen können. Es hätte sein können, dass ich jetzt vertragslos wäre und kurz vor dem Karriereende stehen würde. Das Risiko war sehr hoch, wenn die Saison in die Hose gegangen wäre. Wie es dann gelaufen ist und dass es gleich im ersten Jahr so souverän klappt, gleicht einem Märchen. Rückblickend betrachtet war es ein Schritt, der richtig aufgegangen ist. Ich bin unheimlich stolz, dass ich es probiert habe. Diese Geschichte ist für mich ein persönliches Match, das ich gewonnen habe. Das ist für mich als Kapitän so hoch einzuordnen, einen Verein nach 13 Jahren wieder in den Profifußball zu führen.“

„Sie sprechen es an: Treviso ist wieder im Profifußball, Sie haben Ihren Vertrag erneut um zwei Jahre verlängert: Wie lauten Ihre Ambitionen für den Rest der Karriere?“

„Der Verein ist von einem Präsidenten geführt, der sehr familiär ist. Treviso ist ein familiärer Betrieb, der rauf will und wachsen will. Dass nur vier Spieler von der vergangenen Saison behalten wurden, unterstreicht das. Hier soll der nächste Schritt gesetzt werden. Der Präsident gibt uns zwar Zeit, will aber in der nächsten Zeit raufkommen. Durch meinen neuen Zweijahresvertrag habe ich wieder ein Feuer in mir entfacht. Ich bin körperlich topfit, habe vergangene Saison alle Spiele gemacht und auf einmal ist wieder diese richtige Euphorie da, um auch dieses Jahr wieder meinen Beitrag zum Erfolg leisten zu können.“

Zurück im Profifußball: Robert Gucher führte Treviso als Kapitän in die Serie B. © Imago

„Mit Ihnen sind es, Stand jetzt, sieben österreichische Legionäre in den ersten drei italienischen Ligen. Ist Italien für österreichische Profis nach wie vor reizvoll?“

„Meiner Meinung nach ist der italienische Fußball sehr reizvoll, wenn man ihn vor Ort lebt. In Italien laufen viele Dinge, bei denen es wichtig ist, dass man gut vernetzt ist. Es sind immer die gleichen Trainer, Sportdirektoren oder Manager, die die Spieler herumschieben. Das ist auch der Grund, warum sie mir einreden wollten: ‚Nimm einen italienischen Manager und du spielst 15 Jahre in der Serie A.‘ In Italien muss man in dieses Rad reinkommen, egal, ob man zwei oder 30 Saisonspiele macht. Das sind Szenarien, wenn man als Österreicher nach Italien kommt und nicht gleich von Anfang an spielt, die man am Anfang nicht versteht. Auf Dauer setzt sich aber der Bessere durch, aber es braucht Durchhaltevermögen. Und wenn man dann in diesem Rad drinnen ist, fällt es einem schwer, wieder herauszukommen, weil man alles hat. Deswegen kann ich nur jedem empfehlen, diese Erfahrung zu machen.“

Schmid & Grillitsch-Transfers zu Frosinone: „Durch den Investor kann Großes entstehen“

„Nun werden noch zwei weitere Legionäre dazukommen: Romano Schmid und Florian Grillitsch unterschreiben bei Frosinone – einem Verein, für den Sie selbst erfolgreich gespielt haben und aufgestiegen sind. Dennoch gibt es aus medialer Sicht viel Unverständnis an den Transfers. Können Sie den Schritt nachvollziehen?“

„Aus der Sicht eines Außenstehenden kann ich die Kritik verstehen. Als ich damals zu Frosinone gegangen und aufgestiegen bin, hat Frosinone ganz Europa gekannt. Danach hat Frosinone weitere Schritte nach vorne gemacht, aber es nie geschafft, Stabilität in den Verein zu bringen, weil sie das finanzielle Potenzial dafür nicht hatten. Dadurch ist beim Präsidenten die Idee entstanden, den Verein in gute Hände zu übergeben. 20 Prozent davon sollte bei ihm bleiben, weil er den Frosinone-Fans Sicherheit geben will. Durch den Einstieg des Investors ist nun das Budget vorhanden, um den Verein zu etablieren. Wenn man Beispiele wie Bologna oder Como heranzieht, kann auch in Frosinone durch den Investor Großes entstehen. Vor allem Romano kann sich in Italien durch sein Alter in den Fokus spielen, um dann den nächsten Schritt zu zu gehen. Wenn man es in Italien schafft, scorertechnisch abzuliefern, ist es eine gute Basis für den Schritt zu einem Topverein. Nachdem der Verein seriös ist und unglaubliche Fans hat, warum nicht? Bei Florian kann ich den Schritt sowieso zu 100 Prozent nachvollziehen. Er ist mit seinen Charaktereigenschaften und seiner Art des Fußballs wie gemacht für den italienischen Fußball.“

Im ÖFB-Team bereits vereint und ab dieser Saison auch Teamkollegen bei Frosinone: Romano Schmid und Florian Grillitsch. © GEPA

„Ein Investoreneinstieg bringt aber zeitgleich immer auch Kritik und große Zweifel mit sich. Wie schnell kann man in Italien mit Geld und Transfers erfolgreich sein?“

„Das Wichtige ist, dass der Verein trotz des großen Geldes seriös geführt werden muss. Und das ist bei Frosinone der Fall. Sie sind ein sehr seriös geführter Verein mit unglaublichen Fans und einem familiären Background. Der Trainer Massimiliano Alvini ist ein super Typ, ist Italiener und bekommt jetzt nur Ausländer. Das kann, wie im Falle von Pisa, auch schnell nach hinten losgehen. Den Erfolg kann man nicht kaufen und vor allem nicht mit ausländischen Spielern. Es ist wichtig, ein seriöses Fundament aufzubauen und einen Schritt nach dem anderen zu setzen.“

Nach Lob von Trainer De Rossi – „Gute Vorzeichen“ für Havel in Genua

„Sprechen wir noch über einen weiteren italienischen Legionär: Mit Elias Havel ist jemand einen ähnlichen Weg gegangen wie Sie. Aus der Steiermark nach Italien zu einem Ihrer Ex-Vereine, Genua CFC. Wie passt sein Profil nach Italien?“

„Das Profil von Elias passt gut, das hat sein Trainer Daniele De Rossi medial auch schon bestätigt. Wichtig ist, in seinem Alter, die Sprache kennenzulernen. Den italienischen Fußball kennenzulernen, sollte überhaupt kein Problem darstellen. De Rossi ist ein junger Trainer, der überhaupt keine Angst hat, jungen Spielern die Chance zu geben. Da wird jeder reingehauen und gleichbehandelt. Das sind für Elias gute Vorzeichen, um starten zu können. Jedoch ist Genua ein Verein, der immer viele Spieler unter Vertrag hat und sie kurz vor Transferende verleiht, weil der Transfermarkt in Italien erfahrungsgemäß erst Mitte August so richtig startet. Dann kommt es meistens erst zum Schluss dazu, dass Spieler aussortiert oder verliehen werden. Der Fakt, dass ihn De Rossi in der Vorbereitung positiv erwähnt hat, zeigt aber, dass sie ein Auge auf ihn werfen und ihn forcieren wollen. Ich kann mir gut vorstellen, dass er seine Einsätze bekommen wird. Der Druck in Genua, was Medien und Fans betrifft, ist zwar enorm, natürlich aber auch unbeschreiblich schön. Als ersten Schritt ins Ausland gleich beim ältesten Klub in Italien zu starten, ist natürlich ein Traum für ihn.“

Elias Havel wagte in diesem Sommer den Sprung vom TSV Hartberg in die Serie A zu Genua CFC. © Imago

„Abschließend möchte ich noch über die mediale Wahrnehmung von Legionären in Italien sprechen: Haben Sie manchmal das Gefühl, dass österreichische Spieler im Ausland mehr leisten müssen, um in Österreich wahrgenommen zu werden?“

„Ja, wenn ich auf meine Karriere zurückblicke, definitiv. Natürlich ist ein Mitgrund, dass italienische Spiele nicht in Österreich übertragen werden. In Italien selbst läuft sogar die dritte Liga auf Sky Italia. In Italien ist man als Spieler fast tagtäglich in den Medien. Gefühlt kennt man alle Spieler aus den ersten drei Profiligen. Der österreichische Fußball ist meiner Meinung nach extrem gewachsen, in Italien kriegen das aber leider wenige mit. Und umgekehrt leider auch. Der Austausch zwischen Österreich und Italien fehlt mir persönlich leider komplett, weil es eine extrem erfolgreiche Zusammenarbeit geben könnte, die es zum Beispiel zwischen Italien, der Schweiz oder Slowenien bereits gibt. Das würde ich gerne verändern.“

„Wie würden Sie das konkret gerne verändern?“

„Es ist ein Gedanke, der mir immer mehr kommt. Durch meine Zeit in Italien haben sich einige Türen geöffnet, sind einige Ideen und Anfragen gekommen. Derzeit bin ich noch hundertprozentig fokussiert auf das tägliche Geschäft. Es besteht aber schon die Idee, Italien und Österreich zu verbinden, aufgrund der beiden Sprachen, die ich perfekt spreche. Das Ziel soll sein, zu vermitteln, dass junge Spieler den Sprung von Österreich nach Italien oder umgekehrt schaffen können. Ich würde gerne meine langjährige Erfahrung und das Netzwerk, das ich zu vielen Vereinen aufgebaut habe, nutzen, um junge Talente bei diesen Schritten zu unterstützen. Mein Ziel ist es, jungen Spielern, die träumen, zur Karriere zu verhelfen und Sternen beim Aufgehen zu unterstützen.“

„Vielen Dank für Ihre Zeit und viel Erfolg bei diesem Vorhaben!“

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