Underdog ganz oben: Wie der FC Thun die Schweizer Liga aufmischt

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Nach der Hälfte der gespielten Runden in der Schweizer Super League steht nicht etwa der FC Basel, die Young Boys oder der FC Zürich an der Tabellenspitze, sondern Aufsteiger FC Thun. Es ist die Geschichte eines Vereins, der seit Jahren konsequent auf Kontinuität, Bodenständigkeit und regionale Verbundenheit setzt und dafür nun sportlich belohnt wird.

Es ist die Geschichte eines echten Underdogs. Der FC Thun verfügt über den zweitkleinsten Marktwert der Liga und wurde von vielen Experten zu Beginn der Saison als klarer Abstiegskandidat gehandelt. Und doch steht Thun auch zu Beginn der Rückrunde weiterhin auf Rang eins der Super League, sechs Punkte vor dem ersten Verfolger FC St Gallen, der allerdings noch eine Partie mehr zu spielen hat.

Dass es so kommen würde, habe niemand erwartet, auch nicht der Präsident des Vereins Andreas Gerber. „Mit dem, dass wir im Winter Erster sind, hat wirklich niemand gerechnet, auch ich nicht“, sagt er.

Die Schweizer Super League spielen zunächst alle 12 Mannschaften dreimal gegeneinander. Nach 33 Runden folgt die Teilung der Tabelle. Die besten sechs Teams spielen den Meistertitel und die Europacup Plätze unter sich aus, die unteren sechs kämpfen gegen den Abstieg. Zu Beginn der Saison hatte sich der FC Thun das Erreichen dieser Meistergruppe als klares Ziel gesetzt. Mittlerweile hat sich dieses Ziel aber etwas verschoben.

Der Traum vom Titel

„Wenn man nach 20 Runden Erster ist, dann ist die Vorstellung, am Schluss auch Erster zu sein, nicht völlig abstrus“, sagt Gerber. Dennoch betont er: „Top 6 ist unser Ziel geblieben. Wenn wir das erreichen, dürfen wir zufrieden sein. Gleichzeitig wollen wir uns nicht kleiner machen als wir sind und dürfen groß träumen.“ Ein Blick in die Statistik stärkt die Hoffnung auf den Meistertitel. In neun der letzten zehn Super League Saisons holte am Ende jenes Team den Meistertitel, das zum Start der Rückrunde an der Tabellenspitze stand.

Ein zentraler Faktor des aktuellen Erfolges liegt laut Gerber in der außergewöhnlichen Kontinuität innerhalb des Vereins. „Wenn man jedes Jahr die halbe Mannschaft und den Staff wechselt, geht Know-how verloren. Kontinuität ist ein wichtiger Grund für unseren aktuellen Stand“, sagt er. Mit Mauro Lustrinelli steht bei Thun der Dienstälteste Trainer der Liga an der Seitenlinie. Auch Gerber selbst ist seit über 20 Jahren Teil des Vereins, zunächst als Spieler, später als Sportchef und seit 2020 als Präsident. Diese personelle Stabilität habe Vertrauen geschaffen, auf und neben dem Platz.

Wenig Druck

Hinzu kam in dieser Saison ein psychologischer Vorteil. Als Aufsteiger spielte Thun ohne großen Erwartungsdruck. „Wir hatten nichts zu verlieren und konnten kaum enttäuschen“, sagt Gerber. Dieser Umstand habe es der Mannschaft erlaubt, mutig aufzutreten und sich kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Mit der Tabellenführung hat sich die Situation jedoch inzwischen verändert.
„Wenn man Erster ist, hat man automatisch etwas zu verlieren. Damit muss man umgehen können“, sagt Gerber. Entscheidend sei nun, den Fokus nicht auf die Tabelle zu legen, sondern auf den Prozess und die tägliche Arbeit.

Regionale Verbundenheit

Tief in der DNA des FC Thun verankert ist die Verbundenheit zur Region. Dazu gehört auch die Förderung von Nachwuchsspielern. Acht Spieler im aktuellen Kader stammen aus dem eigenen Nachwuchs. „Unser Ziel ist es, möglichst viele Spieler aus der Region oder selbst ausgebildete Spieler in der ersten Mannschaft zu haben“, betont Gerber, auch wenn der FC Thun bewusst auf starre Quoten verzichtet.

Zu dieser Strategie passt auch der Entscheid, seit Anfang 2025 auf lokale Investoren zu setzen. Zuvor war die Pacific Media Group als Teil eines Multi Club Ownership Modells beteiligt gewesen. Die neue Struktur bringe dem Verein vor allem Stabilität.
„Vor fünf Jahren waren wir wirtschaftlich am Abgrund. Heute gibt es diesbezüglich keine schlaflosen Nächte mehr“, sagt Gerber. Der Club sei breiter abgestützt und könne sportliche Entscheide wieder proaktiver treffen.

Spendeaktion der Fans

Einen wichtigen Beitrag zur finanziellen Stabilisierung leisteten in schwierigen Zeiten auch die Fans. Der Verein Härzbluet FC Thun sammelt über Jahre hinweg Spenden für den Club und trug so bereits rund 1,5 Millionen Franken (ca. 1.6 Millionen Euro) zur Vereinskasse bei. Heute mache dieser Betrag nur noch einen kleinen Teil des Gesamtbudgets aus, sei aber ideell enorm wichtig. „Es zeigt, dass das die Fans hinter dem Club steht. Dafür sind wir sehr dankbar“, so Gerber.

Für den Präsidenten kommt die aktuelle Situation dem Wunschszenario nahe.
„Das Ziel für die Zukunft ist, nachhaltig in der Super League zu bleiben“, sagt er. Mit einer klaren Philosophie, regionaler Verankerung und wirtschaftlicher Vernunft.

Noch ohne Titel

Sollte der FC Thun am Ende der Saison tatsächlich den Meisterpokal in die Höhe stemmen, wäre es eine der größten Überraschungen der Schweizer Fußball Geschichte. Einen Meistertitel hat der Verein noch nie gewonnen. Der bisher größte Erfolg bleibt die Vizemeisterschaft 2005 mit anschließender Teilnahme an der Champions League Gruppenphase.

Zuletzt stand der FC Thun in der Saison 2013/14 in einer europäischen Gruppenphase. Im Rahmen der Europa League traf man dort unter anderem auf den SK Rapid. Damals resultierten ein 1:0 Heimsieg sowie eine 1:2 Auswärtsniederlage in Wien. 2020 folgte für den Verein der Abstieg in die zweite Liga, ehe im letzten Jahr der erneute Aufstieg gelang und man seit der 4. Runde die Liga anführt.

Auch der Start in die Rückrunde verlief für den FC Thun optimal. Beim Grasshopper Club Zürich, wo seit dem vergangenen Sommer der frühere Trainer von Blau-Weiß Linz, Gerald Scheiblehner, an der Seitenlinie steht, feierte der Tabellenführer einen überzeugenden 3:1 Auswärtssieg.

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