Vor acht Monaten feierten Harald Zagiczek und Jürgen Werner beim ViolaTalk den 114. Geburtstag der Wiener Austria noch S

Von Croissants, Kaisersemmeln und internen Spitzen

Vor acht Monaten feierten Harald Zagiczek und Jürgen Werner beim ViolaTalk den 114. Geburtstag der Wiener Austria noch Seite an Seite. Heute ist fraglich, ob die beiden Funktionäre bei Croissant und Kaffee noch ein lockeres Gespräch führen würden. Ein Kommentar von Sky-Reporter Johannes Brandl

Damals scherzte Zagiczek bei einer Frage zur sportlichen Entwicklung: „Ich werde einhaken und ergänzen, du kennst mich eh.“ Acht Monate später scheint er das öfter getan zu haben, als er es öffentlich zugibt.

Bei der Präsentation der neuen Sportdirektion gab Präsident Kurt Gollowitzer zu Protokoll, dass eine neue strategische Ausrichtung im Sportbereich von Harald Zagiczek beauftragt und diese in den wichtigsten Gremien sehr wohlwollend aufgenommen wurde.

Michael Wagner soll die neue Sportdirektion der Wiener Austria anführen | Bild: GEPA
Michael Wagner soll die neue Sportdirektion der Wiener Austria anführen | Bild: GEPA

Die neue strategische Ausrichtung

Die neue strategische Ausrichtung geht also vom Finanzvorstand aus, der auch immer wieder beteuert, sich nicht ins Sportliche einmischen zu wollen. Klar, das Einzige, dass in Wien mehr kracht als die Austria, ist wahrscheinlich die Kaisersemmel. Finanziell geht es dem Verein trotz des von Zagiczek finalisierten Haircuts (Anm.: Schuldenerlass bei der Bank Austria) und des Verkaufs des Stadions weiterhin nicht gut.

Der Einmaleffekt des Stadionverkaufs ist und bleibt nun mal ein Einmaleffekt und die Stadionmiete wird in Zukunft das Budget zusätzlich belasten. Auch die Transfers von Fitz und Malone werden erst im kommenden Geschäftsjahr in die Bilanz einfließen. Trotzdem muss der Verein finanziell besser performen. „Wir müssen operativ besser werden“, so Zagiczek in den letzten Tagen. Im Bereich des Sponsorings blieb man klar hinter den Erwartungen. Der Spielbetrieb schreibt ebenfalls ein Millionenminus, und im Sportbereich wurde das Budget überzogen. Alles keine guten Vorzeichen für die Zukunft.

Ist die einzige Möglichkeit für einen Verein in Österreich zu überleben, Transfererlöse zu lukrieren? Wenn man die Zahlen der anderen Bundesligavereine genauer betrachtet, scheint das der einzig gangbare Weg zu sein. Den Traum der Champions-League-Millionen werden in Zukunft nur wenige Vereine aus Österreich realisieren können und die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass die Qualifikation für kleinere europäische Bewerbe wie die Europa League und die Conference League weite und steinige Wege sind.

Nun also die neue sportliche Agenda, federführend ausgearbeitet von Raphael Thonhauser. Der 32-Jährige ist im Verein für Unternehmensentwicklung und Projektmanagement verantwortlich. Die Schlagworte der Strategie – Anker-, Benchmark- und Eigenbauspieler – sind bekannt. Diese Strategie wurde ohne den damals noch im Amt befindlichen Sportdirektor Manuel Ortlechner ausgearbeitet und soll nun von der neuen Sportdirektion um Michael Wagner umgesetzt werden.

Die Sportdirektion

Der Übergang von Manuel Ortlechner zu Michael Wagner darf ebenfalls kritisch beäugt werden. Zum einen wurde die Beurlaubung von Manuel Ortlechner am 11.11. um 14:02 per Presseaussendung öffentlich gemacht, um wenig später Michael Wagner als neuen Sportdirektor zu präsentieren. In einer AG könnte man so einen Posten auch öffentlich ausschreiben, muss man aber nicht. Von außen wirkt es so, als hätte Präsident Kurt Gollowitzer und Finanzvorstand Harald Zagiczek das sportliche Machtvakuum nach dem Rücktritt von Jürgen Werner genutzt. Denn drei Monate nach Werners Rücktritt war noch immer kein Nachfolgevorschlag von dessen Seiten eingebracht worden.

Das Machtvakuum im sportlichen Bereich sollte so zugunsten von Gollowitzer und Zagiczek gedreht werden, dass der Aufsichtsratsvorsitzende Ralph Krueger vom Wechsel der Sportdirektion am Flughafen erfahren hat, führt zu einer weiteren Frage und einer Aussage von Präsident Kurt Gollowitzer aus der Präsentations-PK der Sportdirektion. Denn die neue Strategie sei „in den wichtigsten Gremien sehr wohlwollend aufgenommen worden.“ Da zählt der Aufsichtsratsvorsitzende wohl nicht dazu. Auch die fachliche Qualifikation von Michael Wagner kann kritisch gesehen werden. Der Ansatz als Kommunikator und Vorsitzender eines Teams der Sportdirektion ist ein sehr guter. Nur wird auch er an Taten (Kaderzusammenstellung, Kadermanagment und Transfers) gemessen werden.

Tomas Zorn soll neuer Sportvorstand bei der Austria werden | Bild: Imago
Tomas Zorn soll neuer Sportvorstand bei der Austria werden | Bild: Imago

Der Sportvorstand

Fakt ist, dass Jürgen Werner und sein Team zu lange gewartet haben, um einen Nachfolger auf dieser Position zu bestimmen. Vielleicht war es auch Kalkül, denn es ist in diesen Monaten alles so weitergelaufen wie davor. Es ist denkbar, dass auch durch den Wechsel auf dem Sportdirektoren-Posten jetzt Bewegung in die Sache kam. Der erste Vorschlag der Seite von Jürgen Werner ist Tomas Zorn. Der in Moskau gebürtige Deutsche kam laut Sprecher der WTF-Gruppe Peter Kroha unter anderem auch auf Empfehlung von Ralf Rangnick:

„Der Grundsatz bei der Kaderzusammenstellung muss sein, in einem Korsett von erfahrenen Spielern junge Potenzialspieler, vorzugsweise aus dem eigenen Nachwuchs, weiterzuentwickeln. Nicht zuletzt die Empfehlung/Einschätzung von Ralf Rangnick, der mit Tomas Zorn zusammengearbeitet hat, hat uns darin bestätigt, dass der nominierte Kandidat der Richtige für die Austria ist.“

Das liest sich auf den ersten Blick deckungsgleich mit der vom Harald Zagiczek in Auftrag gegebene sportlichen Ausrichtung und die Qualifikation, mit Erfahrung als Sportvorstand bei Spartak Moskau und Sportdirektor bei Lokomotive Moskau liefert auch fachlich keinen Grund das einmalige Vetorecht des Vereins in Anspruch zu nehmen. Bis Zorn allerdings wirklich seinen Job antreten kann, werden wohl noch Wochen vergehen. Denn diese Entscheidung muss durch alle Gremien und Stakeholder des Vereins noch bestätigt werden.

Bis dorthin hat die Sportdirektion die sportliche Hoheit im Verein und trifft die Entscheidungen. Welche Auswirkungen die Position Zorns auf die geschaffene Sportdirektion mit Thomas Wagner, Manuel Takacs und Robert Urbanek hat, werden zukünftige Gespräche zeigen. Fakt ist aber, dass Zorn als Vorstand mit Zagicek auf einer Ebene steht. Für zusätzliche Brisanz könnte die neue Bestellung von zwei Aufsichtsräten der Werner Gruppe sorgen. Die Personalien Peter Kroha und Franz Suttner-Gatterburg sollen durch Peter Vogl und dem zurückgetretenen Sportvorstand Jürgen Werner ersetzt werden.

Die Finanzen

Die Finanzen der Austria werden auch in den kommenden Jahren ein großes Thema bleiben. Die Violetten werden laut Finanzvorstand Zagiczek die Lizenz trotz 7.7 Millionen Minus erhalten. Die Voraussetzung des Abbaus des negativen Eigenkapitals wird erfüllt werden. Die finanzielle Situation hat aber logischerweise auch Auswirkungen auf den sportlichen Bereich. In den Verhandlungen rund um den Syndikatsvertrag wurde vereinbart, dass knapp 50% des Budgets der Bundesligamannschaft zukommen sollen. Aktuell steht dieser Wert bei etwas mehr als 30%. Die Transfererlöse der Austria bewegen sich seit einem Jahrzehnt im überschaubaren Bereich, ebenfalls die Teilnahme an europäischen Gruppenphasen.

Der Verein muss, wie es Harald Zagiczek formuliert hat, operativ besser werden und dabei sind Teilnahmen an der Qualifikationsgruppe zwar kein Beinbruch, aber wohl mit einer schweren Muskelverletzung gleichzusetzen. Denn Transfererlöse werden nicht über gute Leistungen in der Qualifikationsgruppe optimiert und auch das Spieltagserlebnis für die Fans hält sich in der unteren Gruppe der Liga in Grenzen. Sonst ist man weiterhin auf Gönner wie Raimund Harreither, über lange Strecken der Vergangenheit, oder wie aktuell dem neuen Ehrenmitglied des Vereins Peter Podsedensek angewiesen, um dem Verein die nötigen Garantien und Sicherheiten zu geben.

VIENNA,AUSTRIA,01.NOV.25 – SOCCER – ADMIRAL Bundesliga, TSV Hartberg vs FK Austria Wien. Image shows Stephan Helm (A. Wien). Photo: GEPA pictures/ Kevin Kada

Die sportliche Situation

Die Austria steht zwei Runden vor der Winterpause, vor dem 16.Spieltag, mit drei Punkten Rückstand auf die Tabellenspitze auf Platz fünf. Nach dem schwachen Saisonbeginn liest sich diese Bilanz eigentlich ganz gut. Ein genauer Blick sagt aber auch aus, dass bereits sechs Niederlagen zu Buche stehen. In der schwächelnden Liga in dieser Saison, allerdings die Norm. Die Leistungen zuletzt waren nicht unbedingt zum Zunge schnalzen, vielleicht färben die Abläufe im Verein auch auf die Spieler ab. Viele sind schon lang beim Verein und bekommen die Abläufe im Hintergrund mit.

Es kann sein, dass durch die Besetzung aller Posten bald Ruhe im Verein einkehrt. Denn die ständigen Spitzen hinter den Kulissen sind dem Spitzensport nicht förderlich. Aber vielleicht ist die Austria auch ein Verein, wo es ohne Spitzen nicht geht.

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Artikelbild: GEPA