Vorarlberg-Derby: Das Warten im Ländle hat ein End(l)e
„Vorarlberg-Derby Hautnah“ – Eine emotionale Momentaufnahme vor dem Duell SCR Altach gegen SC Austria Lustenau von SKY-Reporter Eric Niederseer.
Wenn am kommenden Samstag ab 17:00 Uhr (live auf Sky Sport Austria 3 – streame das Spiel mit dem SkyX-Traumpass) der Ball in der restlos ausverkauften Cashpoint Arena in Altach rollt, geht eine schier endlose Wartezeit für die beiden Fanlager von Altach und Lustenau zu Ende. Ganz Fußball-Österreich wird dann seine Blicke gespannt ins Schnabelholz nach Vorarlberg richten. Nach 3.025 Tagen ist es endlich wieder so weit: Der SCR Altach trifft auf den nur acht Kilometer Luftlinie entfernt gelegenen Nachbarn aus Lustenau.
Als beide Teams am 9. Mai 2014 das letzte Duell, damals noch in der Ersten Liga, bestritten, ahnten sie wohl nicht, dass acht Jahre vergehen müssen, bis man sich erneut in einem Pflichtspiel gegenübersteht. Gegensätzlicher könnten die Wege der beiden Teams in den vergangenen Jahren nicht gewesen sein: Während sich Altach in der Bundesliga kontinuierlich etablierte, erlebte die Austria aus Lustenau eine Achterbahnfahrt der Gefühle mit Höhen und Tiefen, die schlussendlich im Mai diesen Jahres in der lang herbeigesehnten Rückkehr in die Bundesliga gipfelte. Die Partie der 5. Runde offenbart jedoch auch ein Novum: Es ist das erste Aufeinandertreffen der beiden Vereine in der Bundesliga. Zeitgleich ist es das erste Vorarlberger Derby in der höchsten österreichischen Spielklasse seit 22 Jahren (29.04.2000: Austria Lustenau 0:4 Casino SW Bregenz) und eine Begegnung, die ein gesamtes Bundesland in weiß-schwarz und grün-weiß spaltet. Die Vorzeichen für packende, brisante 90 Minuten könnten besser nicht sein: Nie zuvor, nicht einmal beim Aufstiegsspiel der Altacher gegen Lustenau im Jahre 2006, war das 8.500 Zuseher fassende Stadion schneller ausverkauft. Wirft man einen Blick hinter die Kulissen, könnte die Stimmung wohl nicht elektrisierender, die Vorfreude auf beiden Seiten nicht riesiger, die Erwartungshaltungen zu Saisonbeginn nicht unterschiedlicher und die Ausgangslagen nicht konträrer sein.

„NEU ERFUNDENE“ LUSTENAUER WOLLEN AUFSTIEGSSCHWUNG INS LÄNDLE-DERBY MITNEHMEN
Lustenau startete als „Wundertüte“ und unbeschriebenes Blatt in die erste Bundesliga-Spielzeit seit 22 Jahren. Vor der Saison stand wohl das größte Fragezeichen dahinter, wie und vor allem ob man die Abgänge von Haris Tabakovic (zu Austria Wien) und Muhammed Cham (zu Clermont Foot 63) kompensieren könne. Vor allem da die beiden Offensivakteure in der abgelaufenen Saison für 42 Treffer und umgemünzt 60 % der Lustenauer Tore in Liga 2 verantwortlich waren. Und ob der zweitjüngste Kader der Bundesliga mit einem Durchschnittsalter von 22,9 Jahren bereits die Reife besitzt, um in der höchsten österreichischen Spielklasse bestehen zu können. Lustenaus Tormanntrainer Mathias Nesler fasste die Vorfreude im Hinblick auf die Bundesliga-Rückkehr wie folgt zusammen: „Natürlich schmerzen die Abgänge von Tabakovic und Cham. Wir müssen uns jedoch keinesfalls verstecken. Wir alle haben gemeinsam in den letzten Jahren Höhen und Tiefen durchlebt, um den Traum Bundesliga realisieren zu können. Wir wollen diesen Traum nun endlich leben.“
Und genau diese Emotionen und dieses Momentum wusste Lustenau in den ersten Runden zu nutzen. Die Grün-Weißen konnten vom Start weg den Schwung des Aufstiegs mitnehmen, gewöhnten sich schnell an die Physis, das Tempo und Leistungsniveau der Bundesliga und belegen nach vier Runden, den doch für einige Experten überraschenden, vierten Rang. Trainer Markus Mader gibt die Marschrichtung vor: „Wir wollen definitiv keine Eintagsfliege in der Bundesliga sein. Wir möchten uns in dieser Liga etablieren und langfristig beweisen. Ein individuelles Ziel ist es, dass wir aktiv am Fußball teilnehmen und uns die Punkte nicht ermauern. Wir werden agieren, nicht nur reagieren und spielerische Lösungen finden.“
Der Saisonstart mit sieben Punkten aus den ersten vier Runden gibt der Spielidee von Coach Mader Recht. Die Last der schmerzhaften Abgänge konnte, Stand jetzt, auf mehreren Schultern verteilt werden. Die Grün-Weißen überzeugen durch ihre Unbekümmertheit, die Dynamik, das Tempo und den Mut, spielerische Lösungen zu finden. „Quantität ist nicht immer alles. Wir besitzen eine Top-Mentalität im Team, haben ein tolles Mannschaftsgefüge mit gewachsenen Strukturen und einer klaren Hierarchie. Die Verantwortung ist definitiv auf vielen Spielern verteilt und der Kader ist qualitativ sehr ausgewogen. Jeder in der Mannschaft glaubt an seine Fähigkeiten und hat das Bewusstsein erlangt, dass man in jeglicher Lage zurückkommen kann“, lobt Sportdirektor Alexander Schneider den Spirit in seiner Mannschaft.
Lustenau funktioniert vor allem im Kollektiv und besticht durch seine Unberechenbarkeit im Offensivspiel. Bezeichnend hierfür ist, dass alle sieben Saisontore von sechs verschiedenen Torschützen erzielt wurden. Diese Variabilität fasst Trainer Mader wie folgt zusammen: „Wir wussten vor Saisonbeginn, dass wir uns neu erfinden müssen uns es keinen Haris Tabakovic mehr in unseren Reihen gibt. Wir wollen über die Breite unseres Kaders kommen und diese Statistik beweist, dass wir die nötige Qualität besitzen und jeder Einzelne Tore erzielen kann. Diese Tugend bietet unserem Spiel eine zusätzliche Flexibilität und macht uns für die kommenden Aufgaben sicherlich schwer ausrechenbarer für unsere Gegner.“
Nichtsdestotrotz ist sich die sportliche Führungsriege einig, dass es trotz der Erfolge auch eine Kehrseite der Medaille gibt. Denn man müsse die bisherigen Saisonleistungen wohl detaillierter und kritischer beleuchten. Trainer Mader spricht von „viel Licht und Schatten“, da man sich trotz des erfrischenden Offensivfußballs durch individuelle Unzulänglichkeiten oftmals ins Hintertreffen brachte. In Lustenau bleibt man trotz des gelungenen Saisonstarts auf dem Boden der Realität. Der 54-Jährige sieht die derzeitige Platzierung nur als Momentaufnahme: „Wir schauen gar nicht auf die Tabellenkonstellation. Unser Ziel ist klar definiert und das werden wir auch weiterhin konsequent und kontinuierlich verfolgen. Es ist natürlich eine tolle Momentaufnahme, denn sieben Punkte nach vier Runden hätten wir sicherlich nicht im Kalkül gehabt. Dennoch wissen wir, wo wir hingehören und welche Aufgaben in den kommenden Wochen auf uns warten. Wir haben im Endeffekt noch gar nichts erreicht.“ Und dennoch hat die Austria bereits eines definitiv erreicht: Man konnte das Bild der grauen Maus ablegen und ist bereits jetzt eine Bereicherung für die Bundesliga. In Lustenau wächst ein interessantes Projekt heran, das am morgigen Samstag gegen Altach die nächste Bewährungsprobe erfährt.
ALTACH ANTE PORTAS – LUSTENAUER WOLLEN WIE „WÖLFE INS DERBY GEHEN, NICHT WIE LÄMMLE“
Hört man sich im Kader der Lustenauer um, so wird schnell klar, dass es sich um kein Spiel wie jedes andere handelt. Das Lustenauer Urgestein, Pius Grabher, fasst seine Emotionen vor dem Derby zusammen: „Lustenau ist mein Verein seit ich 5 Jahre alt bin. Ich habe eines meiner Startelfdebuts damals gegen Altach gefeiert. Natürlich ist es vor allem als Vorarlberger ein besonderes Duell. Ich kenne zwei Drittel unseres Fanblocks persönlich und will unsere Vereinsfarben gegen Altach so vertreten, dass unsere Fans mit Stolz und einem Grinsen das Stadion verlassen und unsere Anhänger danach etwas zum Feiern haben. Gefühlt sitzen wir jede Woche aufs Neue wie kleine Kinder in der Kabine, die endlich dort angelangt sind, wo sie ankommen wollten. Wir wollen als Spieler unseren Fans einfach das Bestmögliche zurückgeben.“ Der gebürtige Vorarlberger und Lustenau-Heimkehrer Darijo Grujcic beschreibt die Besonderheit des Derbys für ihn: „Speziell für mich als Vorarlberger ist es etwas ganz Besonderes. Beim letzten Vorarlberger Derby in der Bundesliga war ich gefühlt noch nicht einmal auf der Welt. Ich gehe mit viel Vorfreude und noch mehr Gier, unbedingt gewinnen zu wollen, ins Spiel.“ Angesprochen darauf, auf was man sich als neutraler Fußballfan am Samstag freuen kann, führt Grabher an: „Fußballösterreich wird sicherlich überrascht sein, wie viele Emotionen im Ländle vorhanden sind, was dieses Duell betrifft. Es ist sicherlich nach dem Wiener Derby das zweitemotionalste Spiel in Österreich. Alleine durch die geografische Nähe und das Drumherum wird es sicherlich eine grandiose Werbung für den Vorarlberger Fußball.“
Stefano Surdanovic hingegen nimmt etwas Druck von seiner Mannschaft und will als Vorbild während der 90 Minuten vorangehen: „Ich glaube schon, dass es für viele in unserem Kader ein sehr besonderes Spiel sein wird. Wenn man sich jedoch selbst zu viel Druck macht, ergibt das eine Blockade im Kopf. Wir in der Mannschaft halten die Emotionen und den Ball flach und sind bereit. Wir sind als Aufsteiger sicherlich nicht Favorit, aber wir können und wollen gewinnen. Persönlich möchte ich jede Woche und jedes Spiel nutzen, um auf dieser Bildfläche bestmöglich zu performen. Ich will als Leader auf den Platz gehen und meine Aufgabe ist es, den einen oder anderen Jungen mitzureißen und zu unterstützen.“ Bei der Pressekonferenz vor dem Derby spielt Coach Mader auch auf die persönliche Note des Aufeinandertreffens an: „Es geht natürlich auch um eine gewisse Nähe zwischen den Klubs und Spielern. Viele der Akteure kennen sich persönlich und treffen sich auch das eine oder andere Mal privat. Man will beim Derby immer gut performen und Ansehen in der Region gewinnen. Unser Job wird trotzdem sein, dass wir ruhig bleiben und uns auf das Sportliche konzentrieren. Nichtsdestotrotz wird es sicherlich ein kampfbetontes Spiel sein. Wenn einer in diesem Spiel nicht weiß, wie man in den Zweikampf geht, dann hat er auf dem Platz nichts verloren. Wir wollen wie Wölfe ins Derby gehen, nicht wie Lämmle.“ Das Duell der ehemaligen Torjäger auf der Trainerbank lächelt Mader gekonnt beiseite und bestätigt mit einem Schmunzeln auf den Lippen: „Es ist sicherlich ein Vorteil, dass Herr Klose und ich nicht auf dem Platz stehen, da ansonsten Altach einen klaren Vorteil hätte.“
TRAINER MADER SIEHT KLARE ROLLENVERTEILUNG VOR DEM KRACHER
Angesprochen auf die Ausgangssituation vor dem lang ersehnten Duell meint Mader: „Im Grunde genommen haben wir gar nichts zu verlieren. Wenn man sich die budgetären und infrastrukturellen Voraussetzungen ansieht, weiß man ganz klar, wer der Favorit ist. Der Druck liegt definitiv bei Altach, weil sie den Nummer Eins-Status in Vorarlberg beanspruchen. Speziell aus diesem Grunde müssen sie gewinnen, wobei ich anmerken will, dass es sicherlich keine Partie David gegen Goliath werden wird. Ich könnte es mir einfach machen und sagen, dass Altach der klare Favorit ist. Natürlich hat Altach den Anspruch die Nummer Eins in Vorarlberg zu sein. Sie besitzen seit vielen Jahren eine gestandene Bundesligamannschaft, die sich in dieser Liga etabliert hat. Fakt ist, die Vorfreude in der Mannschaft und im Umfeld ist riesengroß und wir fahren mit einem guten Grundgefühl Richtung Altach.“
Saisonstart und Formkurve hin oder her – Die Uhren werden morgen um 17:00 Uhr wieder auf Null gestellt und für 90 Minuten muss jegliche Ausgangslage und Momentaufnahme weichen. Denn dann zählt nur, wer auf dem Platz während der 90 Minuten mehr Schweiß, Kampfgeist und Einsatz für seine Vereinsfarben hinterlässt. Beim letzten Vorarlberg-Derby zwischen Bregenz und Lustenau im Jahr 2000 hießen die Hauptprotagonisten vor 8.320 Zuseher noch Erik Regtop, Armand Benneker oder Alex Pastoor. Beim jetzigen Duell stehen speziell Namen wie Stefano Surdanovic, Pius Grabher, Atdhe Nuhiu, Jan Zwischenbrugger oder die beiden Coaches Markus Mader und Miroslav Klose im Fokus. Wir dürfen gespannt sein, wer dem Spiel seinen Stempel aufdrücken kann – und zumindest vorläufig bis zum nächsten Duell am 12.11.2022 die Vorherrschaft im Ländle übernimmt.
