Weißhaidinger vor WM-Start: „Im Finale muss man sowieso attackieren“
Diskuswerfer Lukas Weißhaidinger (33) ist nach den Bronzenen bei Olympia, WM und EM und seinem bisher letzten Edelmetall 2021 in Tokio „hungrig“ auf eine weitere Medaille.
Der Oberösterreicher sprach im Interview mit der APA – Austria Presse Agentur vor den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Tokio über Egoismus, Sehnsucht, das Schlüpfen in Rollen, seine Tochter Lola und Technikumstellungen.
APA: Eine WM im September ist spät im Jahr. Ist sie dennoch für Sie zum richtigen Zeitpunkt?
Weißhaidinger: „Ehrlich gesagt, ist die WM hier für mich eigentlich richtig perfekt. Ich bin relativ spät erst ins Wettkampfgeschehen eingestiegen, sodass ich zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich noch so frisch bin, wie wenn jetzt Anfang August wäre. Andere fangen im März an und müssen bis September die ganze Form halten. Die haben natürlich drei Peaks drinnen, wo sie gut sein müssen, das habe ich alles nicht. Ich glaube, dass ich im Vergleich zu einigen Konkurrenten noch extrem frisch im Kopf bin. Das ist ein großer Vorteil.“
Hitze in Tokio: Mehrere Bewerbe bei Leichtathletik-WM vorverlegt
Qualifikation als „Stressfaktor“
APA: Sie haben in der Diamond League heuer weitgehend gefehlt. Haben Sie es auch vermisst, sich regelmäßig mit den Besten zu messen?
Weißhaidinger: „Es hätte einen Vorteil, ist aus ein paar Gründen aber nicht passiert. Ich kann das mit der Erfahrung gutmachen, es ist meine sechste WM. Ich habe trotzdem das Gefühl, dass ich um einiges entspannter bin, ich weiß, die Quali ist immer ein bisschen ein Stressfaktor, da muss man einen kühlen Kopf bewahren. Und im Finale muss man sowieso attackieren. Und von dem her bin ich immer gut gefahren, wenn ich nicht auf die anderen geschaut habe. Scheuklappen aufsetzen.“
APA: Sie sind ein Einzelsportler und als solcher müssen Sie auch Egoist sein. Wie viel Egoismus ist als Familienvater zulässig?
Weißhaidinger: „Ein gesunder Egoismus ist ganz wichtig, weil ich fahre nicht zu einer WM und will in der Quali ausscheiden. Natürlich möchte ich möglichst viele und möglichst alle schlagen im besten Fall. Und wenn sich das einmal ändert, dann muss man eh aufhören. Dann hat man keine Vorfreude mehr, keine Spannung mehr. Dann fiebert man den ganzen Tag nicht mehr entgegen. Ich habe das generell immer als Schauspiel gesehen. Hanna (Lebensgefährtin/Anm.) hat schon öfter gesagt, an dem Tag, an dem ich einen Wettkampf habe, bin ich ein ganz anderer Mensch als zur restlichen Zeit. Es macht auch Spaß, in zwei Welten zu leben. Es gibt das Private und das Berufliche, da wo man natürlich mehr auf sich selber schauen muss. Da schlüpfe ich in die Rolle rein, ist man jetzt Athlet oder man ist jetzt gerade Papa. Sich auf den Athleten zu fokussieren, wäre schwieriger, wenn die Lola auf dem Arm sitzen würde. Es ist gut, dass man nicht in der Früh wegfährt und am Nachmittag die WM hat. Ich kann beides noch ganz gut voneinander trennen.“
Weißhaidinger: „Ein paar Jahre habe ich noch vor mir“
APA: Spüren Sie so etwas wie die Sehnsucht nach einer weiteren Medaille oder wie würden Sie das Gefühl bezeichnen, das Sie antreibt?
Weißhaidinger: „Ich würde mich nicht hinstellen des Hinstellens und Mitmachens alleine wegen. Mich haben immer zwei Sachen angetrieben. Kann ich an dem Tag einer oder der Beste der Welt sein? Und wie weit kann ich den Diskus werfen? Ich habe den Eindruck, dass ich beide Fragen nicht gänzlich beantwortet habe, ein paar Jahre habe ich noch vor mir. Ich denke schon, dass auch mit der Lola vielleicht vom Kopf her eine gewisse Leichtigkeit dazugekommen ist, die das Ganze noch einmal beflügelt oder mich vielleicht vor Ort in eine bessere Ausgangslage bringt, ich bin immer hungrig auf eine Medaille und möchte bis Olympia in Los Angeles darum kämpfen.“
Leichtathletik-WM: ÖLV schickt zehnköpfiges Aufgebot nach Tokio
APA: Sie haben einige Technikumstellungen gemacht in Ihrer Karriere. Ist die Technik, die Sie jetzt werfen, die für Sie am geeignetsten oder die, mit der Sie der Konkurrenz am meisten ankommen können?
Weißhaidinger: „Die Technik von vor zwei, drei Jahren war natürlich sehr interessant für ganz weite Würfe. Sie hatte aber den großen Nachteil, dass wenn es wirklich um die Wurst geht, sie sehr fragil ist. Da hat mir Gregor (Högler/Trainer) Anweisungen gegeben, dass ich ruhig und locker bleibe. Aber das war nie unsere Art, einen Wettkampf zu gestalten. Unsere Denkweise war immer, die zu attackieren. Und deswegen hat das Ganze nicht mehr zu uns gepasst. Ich glaube, dass wir mit der jetzigen Technik so weit sind, dass wir in jeder Situation voll angreifen können. Und dass ich das Extraprozent rausholen kann, als dass ich mich zurücknehmen muss und mich in der Leistung nicht voll entfalten kann. Die Technik jetzt passt zu dem, was es braucht.“
(APA).
Beitragsbild: Imago.
