Die psychischen Extrembelastungen des Ultralaufens
Machst du weiter oder gibst du auf?
Was passiert eigentlich im Kopf, wenn der Körper an seine Grenzen kommt? Nach der Beleuchtung der physiologischen Aspekte im zweiten Teil unserer Reihe richten wir unseren Blick im dritten Teil auf die psychischen Auswirkungen des Ausdauersports und beleuchten, welche Rolle Motivation, mentale Stärke und psychische Belastungen spielen.
In Ultramarathons gewinnen in der Regel, die Teilnehmer:innen, die ihre Kräfte richtig einteilen, Rückschläge akzeptieren und auch dann weitermachen, wenn Körper und Geist längst zum Aufhören raten, denn diese Rennen fordert Teilnehmer:innen nicht nur körperlich bis an ihre Grenzen zugehen, sondern stellen auch ihre mentale Stärke auf die Probe.
Für Trailrunnerin Kimi Schreiber liegt die Motivation allerdings nicht darin, immer neue körperliche Grenzen zu verschieben. Vielmehr beschreibt sie das Laufen als einen Ort der Ruhe. „Es gibt nichts, was mir so viel Frieden und Ruhe schenkt wie das Laufen“, sagt sie. Der Sport ermögliche ihr, „die Maske abzulegen“, loszulassen und Abstand vom Alltag zu gewinnen. Ohne das Laufen wäre sie „ein unausgeglichener Mensch“. Gerade dieser mentale Ausgleich macht für sie den besonderen Reiz des Sports aus.
Pain Cave
Hierbei wird immer wieder von der „Pain Cave“ gesprochen. Dabei handelt es sich um einen mentalen Raum, den es zu betreten gilt, wenn man seine Schmerzgrenze und die damit verbundene Leistungsgrenze erweitern möchte. Die Pain Cave bezeichnet den Punkt, an dem es wehtut, an dem körperliche, emotionale und mentale Erschöpfung einsetzt.
Leistungsgrenzen sind jedoch nicht starr. Sie werden maßgeblich durch Erfahrungen, Persönlichkeitsmerkmale und psychische Faktoren beeinflusst. Durch wiederholte Grenzerfahrungen lernt das Gehirn, bestimmte Alarmsignale neu einzuordnen. Was zunächst als unüberwindbare Belastung erscheint, kann mit zunehmender Erfahrung besser bewältigt werden.
Boury beschreibt dieses Phänomen folgendermaßen:
„Man kann nicht über seine eigene Grenze hinausgehen. Man kann sich ihr nur sehr stark annähern. Viele Menschen verwechseln den orangenen mit dem roten Bereich. Dadurch kommen sie nie an ihre Grenzen.“
Die Fähigkeit, diesen Unterschied zu erkennen, entsteht vor allem durch Erfahrung. Wer seinen Körper kennt, kann Belastungen besser einschätzen und Warnsignale angemessen interpretieren. Ähnlich bewertet dies Herr Prof. Dr. Zinner:
„Gefährlich ist der Schmerz, den ich nicht kenne.“
Die Kenntnis des eigenen Körpers wird damit zu einer zentralen Voraussetzung für Leistungen im Extremsport.
Prof. Dr. Christoph Zinner forscht im Institut für Sportwissenschaft an der Universität der Bundeswehr München im Bereich der Trainingswissenschaft unter anderem zu Fragestellungen der Ausdauerleistungsfähigkeit.
„Es ist immer derselbe Körper, aber immer ein anderer Kopf.“
Beschreibt Schreiber den Einfluss der Psyche auf ihre Leistung. Dass körperliche Leistungsfähigkeit und mentale Verfassung nicht immer im Gleichgewicht stehen, erlebt sie regelmäßig. Häufig sei es nicht der Körper, der sie limitiere, sondern der mentale Druck.
„Die größte Belastung entsteht häufig nicht durch den Schmerz, sondern durch die Gedanken darüber.“
Sogar intensive Trainingseinheiten können solche Zweifel auslösen, obwohl ihre Leistungsdaten eigentlich eine gute Form zeigten.
„Eigentlich müsste ich die Schnellste sein. Was passiert, wenn ich das nicht bin? Was denken dann die anderen über mich?“
Belastungen des Nervensystems
Eine Studie des Neurologen Carlos Matute zeigt, dass die Myelinmenge in bestimmten Gehirnregionen unter extremer Belastung um bis zu 28 % abnehmen kann. Myelin ist eine fetthaltige Schicht, die Nervenfasern umgibt und für die schnelle Weiterleitung von Nervensignalen verantwortlich ist. Betroffen sind insbesondere Regionen, die an motorischen, sensorischen und emotionalen Prozessen beteiligt sind. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Studie aus dem Fachjournal BMC Sports Science, Medicine and Rehabilitation. Sie zeigt, dass die graue Hirnsubstanz in Regionen, die für Sprach- und Raumverarbeitung zuständig sind, um bis zu 6,1 % abnehmen kann.
Bedeutet das also, dass Ultraläufer:innen nach einem Rennen plötzlich nicht mehr sprechen können, ihre Gefühle verlieren oder orientierungslos durch die Gegend irren? Natürlich nicht. Die Studien zeigen lediglich vorübergehende Veränderungen bestimmter Hirnregionen, nicht jedoch den Ausfall ihrer Funktionen. Nach einem Rennen können sich die Athlet:innen dadurch wie in einem Nebel fühlen. Innerhalb von spätestens acht Monaten wurde eine vollständige Regeneration festgestellt. Schließlich finden die meisten Läufer:innen auch nach Hunderten von Kilometern noch den Weg ins Ziel und können anschließend sehr ausführlich erzählen, warum sie sich freiwillig einer solchen Belastung aussetzen.
Halluzinationen
Schlafmangel, Sauerstoffmangel, Dehydration, Energiedefizite und thermischer Stress können dazu führen, dass auch erfahrene Ultraläufer:innen irgendwann unter Halluzinationen leiden.
Für Boury waren die Halluzinationen in der dritten Nacht besonders extrem. Entrekin schlief beim Cocodona 250 insgesamt nur 19 Minuten. Gottwald beschreibt seinen Zustand als „dehydriert und überhitzt“. In einem Interview mit Youtuber Tim Gabel sagt er:
„Ich konnte nicht mehr unterscheiden: Was ist echt, was ist nicht echt? Ich habe in Bäumen Kameraleute gesehen. Auf den Autobahnbrücken standen irgendwelche Personen. Ich habe dann immer geblinzelt und wieder aufgemacht, um herauszufinden: Was ist echt, was ist nicht echt?“
Boury beschreibt die Halluzinationen als schleichenden Prozess. Anfangs seien es nur Kleinigkeiten gewesen. „Steine haben sich bewegt oder pulsiert, obwohl sie sich natürlich nicht bewegt haben.“ Mit Konzentration habe er diese Eindrücke noch kontrollieren können.
Später seien die Halluzinationen konkreter geworden. Vor allem nachts habe er Tiere gesehen, die auf ihn zuliefen, oder Menschen wahrgenommen, die gar nicht da waren.
„Eigentlich weißt du, dass das nicht real ist. Aber du musst dich die ganze Zeit darauf konzentrieren, Realität und Einbildung auseinanderzuhalten“,
erzählt er. Mit zunehmender Erschöpfung werde genau diese Konzentration jedoch immer schwieriger.
In der dritten Phase hätten sich die Halluzinationen mit seinen eigenen Ängsten vermischt. Boury beschreibt den Zustand als eine Art erweiterte Realität:
„Du weißt noch, dass das nicht echt ist. Aber es fühlt sich trotzdem echt an.“
Die Grenze zwischen Wahrnehmung und Vorstellung verschwimme zunehmend.
Den extremsten Moment erlebte er nach 85 Stunden Belastung. Boury berichtet, dass er während des Laufens kurz eingeschlafen sei. Als er wieder zu sich kam, habe er sich in einer völlig fremden Wirklichkeit befunden:
„Ich habe gesehen, dass sich meine Beine bewegen, aber ich konnte sie nicht spüren. Ich war in einem Raum ohne Wände, ohne Boden, ohne Decke. Ich war irgendwie in diesem Nichts und wusste nicht, was dieser Raum war.“
Im Rennen traf er auf einen anderen Läufer, der sich in einem ähnlichen Delirium befand. Gemeinsam fanden sie schließlich noch die Ziellinie. Danach lief Boury weitere 15 Stunden.
Für Prof. Dr. Christoph Zinner sind solche Erfahrungen vor allem die Folge von massivem Schlafmangel, körperlicher Erschöpfung und psychischem Stress. Hinzu kommen häufig Dehydration, Energiedefizite sowie die monotone Reizarmut langer Wettkämpfe, die das Gehirn zusätzlich belasten. Flüssigkeits- und Elektrolytverluste führen bereits bei einem Verlust von etwa zwei Prozent des Körpergewichts zu deutlichen Leistungseinbußen. Faktoren wie Höhenlage, unzureichende Ernährung, hoher Koffeinkonsum und die monotone Reizarmut vieler Streckenabschnitte verstärken die Belastung zusätzlich. Das Gehirn versucht dabei, mit den extremen Bedingungen umzugehen, und erzeugt Wahrnehmungen, die nicht mehr mit der Realität übereinstimmen. Wie eine Flucht des eigenen Geistes vor der Realität.
Der Sonnenaufgang als psychologischer Wendepunkt
Viele Läufer:innen beschreiben den Sonnenaufgang als einen entscheidenden Moment während eines Rennens. Nach den oft zermürbenden Nachtstunden stellt das erste Tageslicht für viele einen psychologischen Wendepunkt dar. Mit dem Wiedererscheinen der Sonne kehrt häufig das Gefühl zurück, neue Energie zu haben, während die Strapazen der Nacht in den Hintergrund treten.
Die positiven Effekte des Sonnenlichts dürfen jedoch nicht mit einer tatsächlichen körperlichen Regeneration verwechselt werden. Erschöpfte Energiespeicher, Muskelermüdung oder bereits entstandene Muskelschäden werden durch den Sonnenaufgang nicht behoben. Die körperliche Belastung bleibt bestehen.
Dennoch lassen sich die wahrgenommenen Veränderungen auch physiologisch erklären. Mit zunehmender Lichteinwirkung sinkt der Melatoninspiegel, der während der Nacht die Müdigkeit fördert. Dadurch erhöht sich die Wachheit sowohl subjektiv als auch objektiv. Aufmerksamkeit, Reaktionsfähigkeit und Konzentration verbessern sich, sodass viele Athlet:innen den Eindruck gewinnen, einen neuen Energieschub erhalten zu haben. Der Sonnenaufgang wirkt damit weniger als körperliche Regeneration, sondern vielmehr als biologischer und psychologischer Neustart nach den Herausforderungen der Nacht.
Nur zu viel wird zum Problem
Die beschriebenen Nachteile beziehen sich auf einen übermäßigen Trainingsumfang und vor allem die Extremsituation spezifischer Rennen. Wer seinem Körper dauerhaft zu wenig Erholung gönnt und seine Belastungsgrenzen überschreitet, riskiert gesundheitliche Folgen. Entscheidend ist daher die richtige Balance zwischen Belastung und Regeneration
Grundsätzlich kommen uns Menschen, wenn wir regelmäßige Ausdauersport betreiben, überwiegend absolut positive Auswirkungen zu. Unsere Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit steigt. Besonders in stressigen Phasen wirkt Ausdauersport so, als würde man einen überfüllten Konzentrations-Speicher leeren. Darüber hinaus stimmen sich unsere Nervenzellen besser aufeinander ab. Dadurch steigern wir nicht nur unsere Sinnenwahrnehmung, sondern fördern auch unsere geistige Entwicklung.
Wie wichtig das Umfeld für die psychische Gesundheit ist, zeigt auch Schreibers eigene Erfahrung. Während eines halben Jahres in den Chamonix war sie permanent von internationalen Spitzenläufer:innen umgeben. Der ständige Vergleich habe sie zunehmend belastet. „Ich war völlig fertig“, erinnert sie sich. Erst nach ihrer Rückkehr nach München habe sie wieder Abstand zur Laufszene gefunden. Heute genieße sie die
Zeiten fernab der Trailrunning-Bubble bewusst. „Es läuft sich besser, wenn man angekommen ist.“ Entscheidend sei für sie außerdem, Menschen im direkten Umfeld zu haben, die ihr ermöglichen, auch einmal nicht über den Sport nachzudenken.