Pizza und Kuchen auch bei WM kein Tabu: ÖFB-Experte Rinderer füllt Energiespeicher auf

Mehrere hundert Kilogramm Sportprodukte hat Martin Rinderer ins WM-Camp des österreichischen Fußball-Nationalteams mitgenommen – von Gels über Riegel bis hin zu Kohlenhydratpulver. „Das reicht bis zum Finale“, erklärte der Ernährungswissenschafter. Er will auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Entscheidend für die Leistungsfähigkeit ist eine ausreichende Kohlenhydratzufuhr in den 24 Stunden vor Spielen. Die ist ohne Nahrungsergänzungen nur schwer sicherzustellen.

Eine FIFA-Studie belege laut Rinderer, dass 70 bis 80 Prozent der Profifußballer beim „carb loading“ nicht die notwendigen Mengen erreichen, um über 90 Minuten die volle Lauf- und Sprintleistung abrufen zu können. „Der Spielstil unseres Teamchefs bedarf ein paar Laufmeter mehr als andere“, meinte der Vorarlberger, der seit drei Jahren im Stab von Ralf Rangnick tätig ist. „Daher spielt Energiemanagement eine noch größere Rolle.“

Manche Spieler würden den Unterschied zu ihren Clubs deutlich merken, einige betreut Rinderer privat auch über das ganze Jahr. Der ernährungswissenschaftliche Bereich sei im Fußball erst in den vergangenen drei bis fünf Jahren in den Fokus gerückt. Den Menüplan hat Rinderer gemeinsam mit ÖFB-Chefkoch Fritz Grampelhuber bis zum Turnierende durchgeplant. Fleisch und Milchprodukte müssen die Österreicher – im Gegensatz zu den beim Team besonders beliebten Fleckerl-Nudeln – in den USA beziehen, weil deren Einfuhr verboten ist.

Matinee gegen Argentinien

Die erwartete Hitze an den Spielorten wirkt sich laut Rinderer auf das Flüssigkeitsmanagement aus. Eine neue Herausforderung ist das Duell mit Weltmeister Argentinien, das am 22. Juni bereits um 12.00 Uhr Ortszeit (19.00 Uhr MESZ) angepfiffen wird. Das ÖFB-Team kommt aus seinem Teamcamp in Santa Barbara, physiologisch sei es daher noch einmal zwei Stunden früher. „Die Jungs haben wahrscheinlich das letzte Mal in der U15 um diese Uhrzeit gespielt“, sagte Rinderer. Der Biorhythmus – vom Aufstehen bis hin zum Essen – werde ein bis zwei Tage davor angepasst.

Der Zeitpunkt der Nahrungszufuhr ist grundsätzlich ein großes Thema, insbesondere kurz vor den Spielen. Rinderer hat in den vergangenen Monaten eigene Getränkerezepturen entwickelt, um möglichst komprimiert und verträglich die notwendige Menge an Kohlenhydraten bereitzustellen. Die Auswahl erfolgt für jeden Spieler individuell. „Am Ende spielt Geschmack eine Riesenrolle. Wenn etwas nicht geil schmeckt, wirkt es auch weniger.“

Eine Pizza in Ehren

Vor diesem Hintergrund sind laut Rinderer auch die Pizzen zu sehen, die die Kicker nach Spielen mitunter gern zu sich nehmen. Wenn diese qualitativ und fettarm, also etwa nicht mit Salami belegt, sind, spreche nichts dagegen. „Eine Pizza ist primär kohlenhydratreich und salzreich. Das macht nach dem vielen Schweißverlust schon Sinn.“ Vor allem, wenn wenige Tage danach die nächste Maximalbelastung wartet.

Bei einem so langen Turnier sei das Gewichtsmanagement ein Thema. „Nicht jeder spielt gleich viel. Das heißt, nicht jeder kann gleich viel essen“, betonte Rinderer. Wenn aus dem Minus an Minuten ein Plus an Körpergewicht entstünde, wäre das nicht ideal. „Da hat der Spieler wie wir eine Mitverantwortung.“ Das eine oder andere Stück Kuchen oder Sachertorte sei nicht verboten. „Aber auch das ist eine Timing-Geschichte. Irgendwann zwischendurch macht es wenig Sinn, das zu konsumieren.“

Zucker sei gar nicht so böse, wenn er zur richtigen Zeit eingesetzt werde, erklärte Rinderer – nämlich während der Belastung. Gänzlich rät der 41-Jährige, der den Fachbereich Ernährungswissenschaft und Coaching am Olympiazentrum Vorarlberg leitet und seit 15 Jahren im Hochleistungssport tätig ist, lediglich von Alkohol ab. „Aber das ist selbsterklärend.“

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(APA) / Foto: GEPA