Sind Frauen die besseren Ausdauerläufer?

Machst du weiter oder gibst du auf?

Körperliche Anpassungen, mentale Stärke und eine ausgewogene Balance zwischen Belastung und Erholung bilden die Grundlage außergewöhnlicher Ausdauerleistungen. Zum Abschluss unserer Artikelreihe untersuchen wir die Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Lange galten Männer im Ausdauersport als überlegen. Neuere Forschung zeichnet jedoch ein differenzierteres Bild und zeigt, dass Frauen gerade bei langen Belastungen in einigen Bereichen erstaunliche Vorteile besitzen könnten.

Wie diese Unterschiede im Wettkampf tatsächlich erlebt werden, schildert auch Trailrunnerin Kimi Schreiber. Die Athletin sieht den Trailrunning-Sport in vielen Bereichen bereits als vergleichsweise gleichberechtigt, beobachtet zugleich aber Unterschiede in Renntaktik, Wahrnehmung und gesellschaftlicher Sichtbarkeit.

 

Was wissen wir über geschlechterspezifische Unterschiede bei Ultra-Ausdauerleistungen?

Die wissenschaftliche Untersuchung geschlechtsspezifischer Unterschiede im Leistungssport ist bis heute von einer erheblichen Ungleichverteilung der Datengrundlage geprägt. Ein Großteil der sportwissenschaftlichen, trainingswissenschaftlichen und leistungsphysiologischen Erkenntnisse basiert auf Untersuchungen mit männlichen Probanden. Schätzungen zufolge werden noch immer rund 75 % der Forschungsergebnisse, Trainingskonzepte und Referenzwerte aus männlichen Datensätzen auf Frauen übertragen.

Ultraläufe: Machst du weiter oder gibst du auf?   – Sky Sport Austria

Spezifische Untersuchungen zu weiblichen Athletinnen sind demgegenüber deutlich seltener, weshalb die Datenlage für Frauen in vielen Bereichen als lückenhaft gilt. Prof. Dr. Zinner schätzt den Forschungsrückstand in Bezug auf weibliche Athletinnen auf etwa 40 Jahre gegenüber dem Forschungsstand zu Männern.

Vor diesem Hintergrund sind Aussagen über geschlechtsspezifische Leistungsunterschiede stets im Kontext einer historisch männlich geprägten Forschungslandschaft zu betrachten. Gleichzeitig deuten neuere Untersuchungen darauf hin, dass Frauen insbesondere bei langen und extremen Ausdauerbelastungen über spezifische physiologische Vorteile verfügen könnten.

Infrastrukturelle Benachteiligung / Gender-Data-Gap

Hinzu kommen infrastrukturelle und gesellschaftliche Faktoren. Frauen sind im Leistungssport nach wie vor weniger sichtbar als Männer, was sich unmittelbar auf die Finanzierungsmöglichkeiten auswirkt. Führungspositionen in Verbänden, Organisationsteams und Sponsoringstrukturen werden häufig von Männern besetzt. Um gleiche Leistungen erbringen zu können, müssen jedoch auch vergleichbare Rahmenbedingungen geschaffen werden.

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Hierzu gehört insbesondere die Sichtbarkeit. Die mediale Berichterstattung über Frauensport liegt im Durchschnitt deutlich hinter derjenigen über Männersport zurück. Untersuchungen zeigen, dass sich lediglich rund 15 % der Sportberichterstattung in den Medien mit Frauensport befassen. Dadurch sinken Reichweite, Sponsoreninteresse und finanzielle Förderung, was wiederum die Professionalisierung und Leistungsentwicklung erschwert.

Während Millionen Menschen Saatci verfolgen, kennen nur wenige Rachel Entrekin und ihre sportlichen Leistungen. In Gottwalds Dokumentation über den Last Soul sind die 19 teilnehmenden Frauen im Vergleich zu den 79 Männern kaum zu sehen. Dabei absolviert Kathrin Reicherlt mit 20 Runden mehr Runden als 74 ihrer Konkurrent:innen.

Die geringere Sichtbarkeit wirkt sich auch auf die Leistungsdichte aus. Da weniger Frauen Zugang zu professionellen Strukturen, Fördermöglichkeiten und Vorbildern haben, könnte die Zahl der Teilnehmerinnen im Spitzensport insgesamt geringer sein. Statistisch verringert dies die Wahrscheinlichkeit, dass außergewöhnliche Talente entdeckt und gefördert werden. Auch wenn in Österreich bereits jede vierte teilnehmende Person eine Frau ist, kann noch lange nicht von einer ausgeglichenen Geschlechterverteilung gesprochen werden.

Schreiber nimmt die Situation im Trailrunning allerdings differenziert wahr. Im Vergleich zu anderen Sportarten wie dem Fußball habe sie persönlich bislang kaum Ungleichbehandlung erlebt. Sowohl bei Wettkämpfen als auch im Sponsoring oder innerhalb der Community fühle sie sich als Athletin gleichermaßen wahrgenommen und eingebunden. Gleichzeitig schränkt sie ihre Einschätzung selbst ein: „Ich bin eine weiße Frau, die in München lebt.“ Ihre Erfahrungen ließen sich daher nicht ohne Weiteres auf alle Athletinnen übertragen.

Weibliche Durability

Ein Umstand, der spätestens seit dem Sieg von Rachel Entrekin nicht mehr ignoriert werden kann, ist die Tatsache, dass Frauen Männer im Ultra-Ausdauersport schlagen können. Zwar werden die meisten Rennen weiterhin innerhalb der jeweiligen Geschlechtsklassen entschieden, doch Entrekin hat gezeigt, dass auch ein Gesamtsieg gegen die männliche Konkurrenz möglich ist. Verschiebt sich die sogenannte Gender Performance Gap bei Ultraläufen also?

„Rein physiologisch sind Frauen für längere und extreme Belastungen besser geeignet.“

Nach Prof. Dr. Zinner sind Frauen für lang andauernde und extreme Belastungen physiologisch sogar besonders gut geeignet. Er führt dies unter anderem auf einen effizienteren Substratstoffwechsel zurück. Frauen verfügen im Durchschnitt über weniger Muskelmasse und eine geringere Körpergröße, erreichen jedoch vergleichbare Stoffwechselleistungen. Relativ betrachtet könne dies zu einer höheren metabolischen Effizienz führen.

So reagiert der Körper auf extreme Belastungen im Ausdauersport

Darüber hinaus weisen Frauen im Mittel eine höhere sogenannte Durability auf, also eine größere physiologische Widerstandsfähigkeit gegenüber Ermüdungsprozessen bei lang andauernden Belastungen. Die Leistungsfähigkeit bleibt dabei über einen längeren Zeitraum stabil, während leistungsbegrenzende Faktoren langsamer zunehmen.

Vor diesem Hintergrund erscheint es plausibel, dass Frauen in bestimmten Ultra-Ausdauerwettbewerben zunehmend mit Männern konkurrieren oder diese sogar übertreffen können.

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Hormonhaushalt

Weitere Erklärungsansätze, die die vermeintliche Überlegenheit des männlichen Körpers auf extremen Ausdauerdistanzen infrage stellen, beziehen sich auf Unterschiede im Hormonhaushalt. So wird angenommen, dass der höhere Östrogenspiegel im weiblichen Körper die Sehnensteifigkeit beeinflusst, was sich potenziell positiv auf die Laufökonomie und das Verletzungsrisiko auswirken kann.

Darüber hinaus wird diskutiert, dass Östrogen die Fettverbrennung begünstigt. Da der Körper bei Ultraläufer:innen während lang andauernder Belastungen verstärkt auf Fett als Energiequelle zurückgreift, könnte dieser Mechanismus einen physiologischen Vorteil darstellen. Insbesondere bei Ultra-Ausdauerbelastungen, bei denen die Glykogenspeicher zunehmend erschöpft werden, gewinnt die effiziente Nutzung von Fettreserven an Bedeutung.

Choking under Pressure

Der Sportwissenschaftler Christoph Bühren von der Ruhr-Universität Bochum stellt fest, dass Athletinnen weniger anfällig für Leistungseinbrüche unter extremem Leistungsdruck seien. Dies stützt die Annahme, dass Frauen mental belastbarer sein könnten als Männer.

Gerade bei Ultraläufen, sei es in klassischen Wettkämpfen oder bei Backyard-Rennen, wird deutlich, wie wichtig mentale Stärke ist. Häufig scheint nicht die körperliche Belastung, sondern die Überwindung der eigenen psychischen Grenzen die größere Herausforderung darzustellen.

Der Schweizer Forscher und Ausdauersportler Beat Knechtle kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass die Gender Performance Gap bei Spitzenleistungen zwar generell abnimmt. Gleichzeitig hält er es jedoch für unwahrscheinlich, dass Frauen bei langen Ultramarathons langfristig schneller werden als Männer.

Psychologische Stärke

Während die physiologischen Unterschiede zunehmend erforscht werden, sind mögliche psychologische Vorteile von Frauen bislang deutlich schwieriger nachzuweisen.

Die psychischen Extrembelastungen des Ultralaufens – Sky Sport Austria

Hinsichtlich einer möglichen psychologischen Überlegenheit von Frauen besteht zwar in Teilen der öffentlichen und sportpraktischen Diskussion eine gewisse Einigkeit, belastbare wissenschaftliche Nachweise liegen jedoch nur in begrenztem Umfang vor. Boury schildert hierzu folgende Beobachtung:

„Man merkt bei Läufen, dass Athletinnen sich ihre Kräfte deutlich besser einteilen, deutlich weniger Ego am Anfang haben und deutlich mehr mentale Stärke am Ende haben. Ich weiß nicht, ob das generell so ist, aber zumindest habe ich das bei vielen Athletinnen gesehen, mit denen ich auch trainiere oder mit denen ich in Wettkämpfen unterwegs war.“

Zu ähnlichen Beobachtungen kommt auch Schreiber. Aus ihrer Erfahrung gehen viele Frauen Rennen kontrollierter an und lassen sich weniger von Konkurrenz oder Ego leiten. Gerade bei Ultradistanzen könne eine kluge Renneinteilung entscheidender sein als ein hohes Anfangstempo.

Die Zukunft ist weiblich

Vorerst bleibt der Gesamtsieg von Entrekin jedoch eine Ausnahme. Bei der überwiegenden Mehrheit der Rennen gelingt es Frauen bislang nicht, die Gesamtwertung für sich zu entscheiden. Um die Gender Performance Gap weiter zu verringern, müssen jedoch auch die strukturellen und infrastrukturellen Rahmenbedingungen verbessert werden.

Gleichzeitig zeigen aktuelle Entwicklungen, dass das Potenzial von Frauen im Ausdauer- und Extremsport noch längst nicht ausgeschöpft ist. Welche Leistungen künftig möglich sein werden, lässt sich nur schwer vorhersagen. Fest steht jedoch, dass sportliche Grenzen nicht allein durch physiologische Voraussetzungen bestimmt werden, sondern auch durch die Möglichkeiten, sie zu entfalten.

Schreiber blickt deshalb optimistisch auf die Entwicklung des Sports.

„Ich bin krass froh, dass ich eine Frau bin“,

sagt sie. Gleichzeitig beobachtet sie, dass sich auch das Miteinander auf den Trails verändert habe:

„Mittlerweile haben es auch die meisten Männer verstanden, dass es wirklich nicht schlimm ist, von den besten Frauen des Sports überholt zu werden.“

Wir dürfen gespannt bleiben, was Frauen im Ausdauersport noch alles schaffen: Denn klar ist, Frauen müssen sich keine Grenzen setzen!

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