Wie der Geburtsmonat den Erfolg im Fußball bestimmt

Die U17-Nationalmannschaft Österreichs spielt derzeit ein starkes Turnier und kann heute mit einem Sieg gegen Japan  (ab 13:15 Uhr live auf Sky Sport Austria 1 sowie im frei empfangbaren Livestream auf skysportaustria.at ) ins Halbfinale einziehen. Blickt man genauer auf den Kader, fällt schnell etwas auf: Mehr als die Hälfte der Spieler hat im ersten Quartal – also im Januar, Februar oder März – Geburtstag. Ist das bloßer Zufall oder steckt mehr dahinter?

Eines vorweg: Zufall ist das keiner. Vielmehr deutet diese Häufung laut Robert Csapo, Professor für Sportwissenschaft an der Universität Wien, auf den sogenannten relativen Alterseffekt (RAE) hin. „Die Erkenntnis deckt sich mit allem, was man auf Vereinsebene und in anderen ÖFB-Teams sieht“, sagt er.

Was kompliziert klingt, ist einfach erklärt: Wer kalendarisch jünger ist als seine Teamkollegen, hat oft einen biologischen Nachteil. Jüngere Spieler sind im Schnitt weniger weit entwickelt. Sie sind langsamer, weniger kräftig, springen niedriger und sind häufig kleiner als die älteren Mitspieler.

In einer Sportart wie Fußball, in der im Jugendbereich stark auf physische Faktoren geschaut wird, kann das entscheidend sein. Da der Stichtag für Nachwuchsteams meist auf den 1. Januar fällt, sind Spieler, die zu Jahresbeginn geboren wurden, klar bevorteilt.

Unterschiedliche Entwicklung

Besonders im Jugendalter zeigen sich diese Unterschiede deutlich, da sich junge Menschen sehr unterschiedlich schnell entwickeln. Schon wenige Monate Altersunterschied können große Auswirkungen haben. „Es gibt auch bei gleichem Geburtstag riesige biologische Unterschiede – da können bis zu zwei, drei Jahre Differenz im Entwicklungsstand liegen“, sagt Csapo.

Auch die aktuelle U17-Auswahl zeigt dieses Muster klar. 14 Nachwuchsspieler sind im ersten Quartal geboren und keiner in den letzten drei Monaten des Jahres.

Ein weltweites Phänomen

Der relative Alterseffekt beschränkt sich nicht nur auf Österreich. Betrachtet man die Geburtsdaten aller Spieler bei der U17-WM, ergibt sich ein ähnliches Bild: Rund 40 Prozent sind im ersten Quartal geboren. Je weiter das Jahr fortschreitet, desto weniger Spieler stehen in den Kadern.

Besonders auffällig wird das im Vergleich zur Gesamtbevölkerung, deren Geburten über das Jahr relativ gleichmäßig verteilt sind. Bei österreichischen Nationalteams hingegen ist das erste Quartal stark überrepräsentiert, das vierte klar unterrepräsentiert.

Später Ausgleich – aber nicht für alle

Für alle, die im Jahresverlauf später geboren sind, gibt es aber auch eine positive Nachricht: Der relative Alterseffekt nimmt mit zunehmendem Alter ab. „Je näher es in den Profibereich geht, desto mehr flacht der Effekt ab – ganz verschwindet er aber nicht“, erklärt Csapo.

Das zeigt sich auch in der Statistik der ÖFB-Auswahlen: Während in den Jugendteams der Effekt durchgängig sichtbar ist, spielt er im A-Nationalteam praktisch keine Rolle mehr. Die Spieler aus den ersten drei Quartalen sind dort fast gleich stark vertreten. Lediglich das vierte Quartal bleibt weiterhin schwächer besetzt.

Der Umkehrschluss

Im Umkehrschluss bedeutet das: Nicht alle U17-Spieler schaffen später den Sprung ins Nationalteam. Nur jeder zehnte U17-Nationalspieler hat in den letzten 20 Jahren auch ein Aufgebot für die A-Nationalmannschaft erhalten.

Warum schaffen es manche später geborene Spieler dennoch an die Spitze? Csapo vermutet, dass diese Spieler oft überdurchschnittlich talentiert oder besonders belastbar sind. „Sie müssen nur das System bis dahin überleben“, sagt er.

Was tun gegen den relativen Alterseffekt?

Trotz des späteren Ausgleichs sieht Robert Csapo im RAE ein systematisches Problem. „Wer einmal ausgemustert wurde, dessen Karriere ist praktisch verbaut. Das führt am Ende zu einer Verschwendung von Talent“, sagt er.

Es gibt mehrere Ansätze, um dem Effekt entgegenzuwirken. Einer davon ist das sogenannte Biobanding. „Dabei wird versucht, eine Mannschaft nach dem biologischen Reifegrad zusammenzustellen“, erklärt Csapo. Das Verfahren ist allerdings aufwendig, da das biologische Alter individuell geschätzt werden muss, etwa mittels Handwurzelröntgen.

Eine andere Möglichkeit ist die Rotation des Stichtags. Würde man diesen jährlich verschieben, wären Spieler im Laufe ihrer Jugendkarriere mal relativ älter, mal relativ jünger und hätten damit ausgeglichenere Entwicklungschancen.

Maßnahmen beim ÖFB

Auch beim ÖFB ist man sich der Problematik bewusst. Um den Einfluss des RAE zu reduzieren und die Spielzeiten aller Kaderspieler zu erhöhen,  setzt der Verband im Breitenfußball auf verschiedene Maßnahmen: kleinere Wettbewerbsformen, verbindliche Mindestspielzeiten aller Kaderspieler in der U11 und U12, die Abschaffung von Tabellen bis zur U12 oder die Möglichkeit, bei Spielen und Turnieren bis zur U12 flexible Stichtage einzusetzen.

Darüber hinaus setzt der ÖFB auch auf die Berücksichtigung des biologischen Alters. „Österreichweit gibt es die Möglichkeit, dass, mittels ärztlichen Attests, biologisch retardierte Spieler in ein oder zwei Stufen niedrigeren Spielklasse spielen dürfen“, erklärt Christoph Gonaus von der Abteilung „Wissenschaft, Analyse & Entwicklung“ des ÖFB.

Die Nutzung dieser Option variiert zwischen den Landesverbänden stark. „Je nach Landesverband nutzen zwischen drei und über vierzig Spieler diese Möglichkeit“, so Gonaus. Der ÖFB setzt damit ein klares Signal: Talentförderung soll nicht an frühe körperliche Reife gebunden sein.

Future Teams

Dieses Prinzip zeigt sich auch in den Nationalteams. „Auf Stufe der U15 und U16 gibt es ein Mal pro Jahr eigene Future-Team-Lehrgänge für biologisch retardierte Spieler“, erklärt Gonaus. Weniger weit entwickelte Spieler erhalten dadurch die Möglichkeit, sich auf hohem Niveau zu messen.

Zwar nehmen diese Teams nicht an UEFA- oder FIFA-Wettbewerben teil, dennoch bleiben die Spieler so im Fördersystem verankert. Im Verband gibt es zudem Bestrebungen, das Future-Team-Konzept auf eine höhere Anzahl an Lehrgängen pro Jahr auszuweiten.

Im Zentrum aller Maßnahmen steht laut Gonaus eine klare Zielsetzung: „Uns ist wichtig, dass spät geborene Spieler im Fördersystem bleiben und nicht aufgrund eines kalendarischen oder biologischen Nachteils aussortiert werden.“ Außerdem wolle man verhindern, dass Kinder durch Effekte wie den RAE den Fußball, oder im Extremfall den Sport insgesamt, aufgeben.

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Beitragsbild: IMAGO