Zukunft ungewiss: Nagelsmann nach WM-Aus in Erklärungsnot
Die einstmals große Fußball-Nation Deutschland sucht nach Erklärungen. Dem Aus im Elfmeter-Drama von Foxborough gegen Paraguay folgte nach dem ersten Schock die Frage nach dem Warum. 2018, 2022, 2026: Nach dem schmerzhaften Dreiklang des WM-Scheiterns der deutschen Nationalmannschaft – in Brasilien 2014 noch strahlender Weltmeister – ging die Ursachenforschung los. Bundestrainer Julian Nagelsmann gab sich kämpferisch, ist medial jedoch schwer angezählt.
„Wenn du in der ersten K.o.-Runde ausscheidest bei so einem großen Turnier mit 48 Mannschaften, ist das deutlich zu wenig für den deutschen Fußball“, sagte Nagelsmann nach dem Aus gegen Paraguay im Elfmeterschießen. Mit seinem Titelziel hatte er schon vor zwei Jahren die Messlatte hochgelegt. Nun meinte er: „Es wäre vermessen, wenn wir nach dem dritten großen Turnier sagen, wir gehören noch zur Weltspitze, das tun wir einfach nicht.“
DFB-Präsident Neuendorf: „nicht einfach zur Tagesordnung übergehen“
Eine Entscheidung über die Zukunft von Nagelsmann hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) allerdings zunächst vertagt. DFB-Präsident Bernd Neuendorf äußerte sich im Teamquartier der Deutschen in Winston-Salem vor der individuellen Abreise der Nationalspieler um Kapitän Joshua Kimmich in einer Mitteilung: „Nach der bitteren Niederlage gegen Paraguay und dem Ausscheiden bei der WM in den USA, Kanada und Mexiko habe ich gestern noch länger mit Bundestrainer Julian Nagelsmann und der sportlichen Leitung um Andreas Rettig und Rudi Völler zusammengesessen. Wir sind uns einig, dass das Abschneiden bei der WM nicht unseren Ansprüchen genügt.“
Neuendorf kündigte an, dass man „gemeinsam und in Ruhe“ die Gründe erörtern werde, „weshalb die Mannschaft ihr vorhandenes Potenzial nicht hat abrufen können und ihren eigenen und den Erwartungen Fußball-Deutschlands nicht gerecht geworden ist“. Der 64-Jährige stellte abschließend fest: „Wir können und wollen nach einem derartigen Tiefschlag mit Blick auf die anstehenden Aufgaben nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.“
Klopp über Bundestrainer-Debatte: „Nicht der Moment“
Der bereits als Nagelsmanns Nachfolger ins Spiel gebrachte Jürgen Klopp wehrt sich gegen eine Bundestrainer-Debatte um seine Person. „Ich verstehe, dass mein Name genannt wird. Aber es ist nicht der Moment. Es gibt dazu nichts zu sagen“, meinte der derzeitige Fußballchef von Red Bull bei MagentaTV. Der Vertrag von Nagelsmann beim DFB läuft noch bis 2028. Der 38-Jährige hatte direkt nach dem Spiel betont, er stehe weiter zur Verfügung. DFB-Sportdirektor Rudi Völler stärkte Nagelsmann den Rücken. „Ich bin immer noch überzeugt davon, dass er der Richtige ist“, meinte der Ex-Weltmeister.
Wie beim Aus nach der Gruppenphase 2018 in Russland und 2022 in Katar verpasste Deutschland bei der mit erstmals 48 Mannschaften ausgetragenen WM in Amerika die Runde der besten 16 Teams. Statt eines möglichen Hits gegen Frankreich wartet nun der Flieger nach Hause. „Klar ist, dass wir wieder früh ausgeschieden sind, weil wir hier einen schwachen Gegner nicht schlagen konnten“, sagte Kapitän Joshua Kimmich. Der nunmehrige ZDF-Experte Per Mertesacker erklärte Paraguay gar zur „schwächsten Mannschaft aus der Vorrunde“: „Und wir haben es nicht geschafft, mehr als zwei Chancen in 120 Minuten zu bekommen.“
Ärger über VAR
In die Trauer über das Aus mischte sich im deutschen Lager auch Ärger. Die Aberkennung des Tores von Jonathan Tah in der 102. Minute wegen eines angeblichen Foulspiels von Waldemar Anton an Gill bezeichnete Nagelsmann als „Vollskandal“. Im deutschen Fernsehen sahen deutsche Ex-Referees einen Fehler des VAR, der nicht intervenieren hätte dürfen. International waren Experten anderer Meinung.
Das stärkste Pro für Nagelsmann kam aus dem Spielerkreis, zumindest von denen, die sich nach dem Ausscheiden den Journalisten stellten. Er hoffe, dass Nagelsmann nicht hinschmeiße, sondern „weiter an sich und seine Fähigkeiten glaubt“, sagte Kimmich. „Und weil er keine Mannschaft in der Kabine sitzen hat, die mit dem Finger auf ihn zeigt. Das ist von vielen Trainern ein Problem, dass – wenn es sportlich nicht läuft – die Spieler die Ausrede beim Trainer suchen. Das ist bei uns nicht der Fall.“ Abwehrchef Antonio Rüdiger sagte: „Er ist ein Toptrainer. Wir müssen dankbar sein, dass wir so einen haben.“ Wenn man bei drei WM-Turnieren „kläglich“ ausscheide, müsse man mehr hinterfragen – und zwar „alles“.
Klopp: „Wir waren Fußball-Deutschland“
Beschäftigt hatte Deutschland in den vergangenen Wochen einiges. Die Rückholaktion von Manuel Neuer, die Rolle von Torjäger Deniz Undav als Edel-„Joker“ – gegen Paraguay fiel beides nicht ins Gewicht. Wieder einmal wird die Qualitätsfrage gestellt. Ein Reservoir an gleichwertigen Ersatzleuten wie Frankreich hat Deutschland nicht, einzelne Weltklassespieler machen noch keine Mannschaft. Klopp forderte eine Ursachenforschung ein: „Wir waren Fußball-Deutschland. Um wieder Fußball-Deutschland zu werden, müssen wir jetzt ran an die Nummer, und zwar richtig.“ Es gebe keinen Grund, auf die Mannschaft draufzuhauen. „Julian hat recht, die Mannschaft wollte, sie konnte in einzelnen Bereichen nicht.“
