High Performance, High Pressure – mentale Gesundheit im Spitzensport

„Mentale Gesundheit im Sport hat noch immer nicht den Stellenwert, den sie eigentlich haben müsste.“ Mit diesem Satz bringt der Experte der Österreichische Gesellschaft für Sportpsychiatrie und -psychotherapie (ÖGSPP) Dr. Alexander Schorb im Sky-Interview ein Problem auf den Punkt, das lange übersehen wurde oder besser gesagt: übersehen werden wollte.

Denn nach außen wirkt die Welt des Leistungssports faszinierend und glamourös. Medaillen, Rekorde und Podestplätze dominieren die Berichterstattung. Was dabei häufig im Schatten bleibt: Viele Profi- und Leistungssportler*innen kämpfen mit psychischen Belastungen. Depressionen und Angsterkrankungen sind im Spitzensport längst keine Randerscheinung mehr. Darauf weist unter anderem die ÖGSPP hin. Trotzdem finden viele Betroffene nur schwer den Weg zu professioneller Hilfe.

Der Grund dafür liegt auf der Hand. Permanente Leistungserwartungen, öffentlicher Druck, Konkurrenzkampf und der Anspruch, immer funktionieren zu müssen, stellen enorme mentale Anforderungen dar. Erwartungen kommen dabei nicht nur von außen – sie entstehen oft auch im Inneren der Athlet*innen selbst.

Ein System auf Höchstleistung getrimmt

Der Leistungssport kennt kaum Pausen. Der Zwang, dauerhaft auf höchstem Niveau zu performen, kann zu Überlastung und Erschöpfung führen. Verletzungen, Rückschläge, Niederlagen oder die Angst zu scheitern wirken zusätzlich auf die Psyche. Dazu kommen Faktoren wie ein unregelmäßiger Alltag, Schlafmangel, strenge Trainings- und Ernährungspläne sowie lange Abwesenheiten von Familie und Freunden während intensiver Trainings- und Wettkampfphasen.

Gerade diese sozialen Ausgleichsfaktoren – Zeit für sich selbst, Nähe zu vertrauten Menschen, Momente ohne Leistungsbewertung – sind im Spitzensport oft nur eingeschränkt möglich. Ein Umstand, der das Risiko für psychische Erkrankungen zusätzlich erhöht.

Warum es vielen Sportler*innen bis heute schwerfällt, offen über mentale Probleme zu sprechen, hat laut Schorb auch mit Stigmatisierung zu tun. „Sportler*innen gelten als schwach, wenn sie Hilfe in Anspruch nehmen. Vereine und Sponsoren haben zwar gute Versorgungssysteme, aber es passt oft nicht zum Image – schließlich sollen Athlet*innen kraftvoll, mutig und unerschütterlich sein.“

Angst, Schwäche zu zeigen

Auch Petra Kronberger, ehemalige österreichische Skirennläuferin, sieht darin ein zentrales Problem: Psychische Belastungen seien schwer messbar und würden häufig erst dann ernst genommen, wenn die Leistung bereits abfällt. „Ängste und Selbstzweifel werden schnell als Schwäche interpretiert. Gerade im Team will man sich das Eingeständnis gegenüber Kolleg*innen oft nicht erlauben“, erklärt sie Sky gegenüber. Im Leistungssport gehe es letztlich um Erfolg und um Startplätze.

Dieser Leistungsdruck prägt den Alltag vieler Athlet*innen. Die Sorge, den Platz im Kader zu verlieren, Verletzungen oder öffentliche Kritik auszuhalten, gehört ebenso dazu wie das permanente Vergleichen mit anderen. Der Mensch hinter der Leistung gerät dabei leicht in den Hintergrund.

Wenn Druck Spuren hinterlässt

Wie schwerwiegend die Folgen sein können, wurde im November 2009 schmerzhaft offensichtlich. Der Suizid von Deutschlands Teamtorhüter Robert Enke rüttelte die Sportwelt wach. Trotz sportlicher Erfolge hatte er im Verborgenen gegen schwere Depressionen gekämpft. „Daraus hat sich letztlich ein neues Fach entwickelt“, sagt Schorb über die verstärkte Auseinandersetzung mit Sportpsychiatrie und mentaler Gesundheit.

Auch im heimischen Fußball sind psychische Belastungen Realität. Grazer AK-Stürmer Daniel Maderner beschreibt die Schattenseiten des öffentlichen Drucks offen: „Es gibt Leute, die dich persönlich beschimpfen – das hat dann nichts mehr mit Leistung zu tun. Natürlich beschäftigt mich das. Während deiner Erfolge ist jeder dein bester Freund, bei Misserfolgen bist du sehr schnell allein.“

Früher fehlten Werkzeuge – und oft auch Vertrauen

In den 1980er-Jahren, während Kronbergers aktiver Karriere, war mentale Gesundheit im Sport kaum ein Thema. Zwar sei das Bewusstsein vorhanden gewesen, dass es für Spitzenleistungen auch einen starken Kopf braucht, doch konkrete Mittel fehlten. „Wie man mentale Stärke aufbaut und trainiert, war kaum Teil des Trainingsplans“, erinnert sie sich. Vor allem habe es an Vertrauenspersonen gemangelt, an Menschen, denen man sich hätte öffnen können.

An dieser Situation änderte sich auch in den frühen 2000er-Jahren nur wenig. Veronika Mayerhofer, ehemalige Olympiateilnehmerin und heute Sportpsychologin, berichtet von ihren Erfahrungen vor den Winterspielen 2014 in Sotschi. Erst im letzten Jahr vor Olympia habe sie mit einem Mentaltrainer gearbeitet. „Davor war das überhaupt nicht etabliert. Kommentare wie ‚Deswegen läuft die Pumpe auch nicht schneller‘ waren keine Seltenheit“, erzählt sie rückblickend. Eine mentale Unterstützung hätte ihr damals geholfen, sich innerlich zu stabilisieren.

Mentale Arbeit als Teil des Erfolgs

Mittlerweile sind Mentaltrainer*innen, Sportpsycholog*innen und Psychiater*innen in vielen Vereinen fixer Bestandteil der Betreuung. „Nur mit psychischer Gesundheit kann man Leistung bringen“, betont Schorb. Eine differenzierte Diagnostik sei entscheidend, da mentale Belastungen multifaktoriell entstehen – von Beziehungsthemen über Ernährung und Trainingsintensität bis hin zu Persönlichkeitsmerkmalen.

HSV-Spielerin Melanie Brunnthaler bestätigt den positiven Effekt dieser Arbeit: Auch wenn man den Fortschritt nicht unmittelbar sieht, verändere sich das eigene Gefühl nachhaltig. „Das merkt man oft erst, wenn man wirklich an sich gearbeitet hat.“ Volleyballprofi Dana Schmit bringt es auf den Punkt: „Ohne Mentaltrainer geht es auf Topniveau kaum noch. Der Druck ist enorm – ein schlechtes Spiel und du wirst ausgepfiffen und auch die Kommentare auf Social Media gehen nicht spurlos an dir vorbei.“

Entscheidend ist bei der Sportpsychotherapie laut ÖGSPP, dass Behandlungen eng mit dem bestehenden sportlichen und medizinischen Umfeld abgestimmt sind. Sportpsychiater*innen sind keine Coaches, die um jeden Preis die Leistung steigern sollen. Ihre Aufgabe ist es, psychische Gesundheit zu schützen, Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und leitliniengerecht zu behandeln.

Warnsignale und präventive Ansätze

Mentale Belastungen im Leistungssport entstehen meist nicht abrupt, sondern entwickeln sich schleichend. Athlet*innen lernen früh, Disziplin und Durchhaltevermögen über alles zu stellen – oft zulasten der eigenen Bedürfnisse. Schmit beschreibt diesen Prozess offen: Lange habe sie geglaubt, alles durchstehen zu müssen, um erfolgreich zu sein. „Ich wusste aber auch, dass ich etwas ändern muss, weil es mir mental nicht gut gegangen ist.“ Erst mit der Zeit habe sie verstanden, dass Ausgleich, soziale Kontakte und neue Perspektiven – wie ein Studium – entscheidend sein können.

Aus fachlicher Sicht sieht Dr. Schorb darin ein strukturelles Problem. Viele Sportler*innen entwickeln früh eine stark leistungsbezogene Identität, bei der der Selbstwert eng an sportlichen Erfolg geknüpft ist. Besonders Übergänge – etwa Verletzungen oder das Karriereende – seien kritisch, weil vertraute Strukturen wegfallen. „Hier braucht es deutlich mehr Fürsorge und Begleitung“, betont Schorb. Auch finanziell werde dieser Abschnitt oft unterschätzt – Investitionen sollten nicht nur auf die aktive Karriere beschränkt bleiben.

Eigene Routinen und ein stabiles Umfeld

Viele Athlet*innen entwickeln individuelle Strategien, um mit Druck umzugehen. Schmit etwa schreibt nach dem Spiel drei positive Dinge auf, um den Fokus bewusst umzulenken. „Mir hilft es auch zu meditieren. Man muss seine eignen Taktiken trainieren – das ist wie bei Muskelmasse. Die verliert man auch schnell, wenn man nicht dranbleibt.“ Brunnthaler setzt auf Visualisierung oder Atemübungen. In besonders schwierigen oder stressigen Situationen helfe ihr es auch, Gedanken auf ein Blatt Papier zu bringen.

Doch nicht alle finden rechtzeitig Halt. „Mentale Gesundheit ist ein extrem heikles Thema – ohne die richtigen Menschen um sich herum kann man in ein tiefes Loch fallen“, warnt Maderner. Umso wichtiger sei ein unterstützendes Umfeld aus Familie, Freund*innen, Trainer*innen und Vereinen.

Social Media und Körperbilder als zusätzliche Belastung

Besonders im Frauensport spielen äußere Bewertungen eine große Rolle. Schmit spricht offen über problematische Strukturen im Volleyball: „Es gibt fast nur männliche Trainer, Kommentare von Fans, Staff oder auch Fotografen beziehen sich oft auf das Aussehen. Das ist nicht okay.“

Auch Brunnthaler schildert, wie präsent Körperbilder gerade bei jungen Athletinnen sind. Unrealistische Ideale, die früh vermittelt werden, können Essstörungen oder langfristige Schäden nach sich ziehen: „Frauen haben immer noch das Problem, dass sie sich Kommentare anhören müssen, wie ‚die ist ja auftrainiert wie ein Mann oder die schaut aus wie ein Gehsteigpanzer.‘ Man darf nicht zu männlich ausschauen, aber auch nicht zu dick sein und da gibt es Aufholbedarf, weil das wirklich belastend sein kann.“

Social Media verstärke diesen Druck zusätzlich. Mayerhofer rät daher zu bewusstem Umgang: Routinen, klare Grenzen und Rückzugsorte seien essenziell, um sich selbst zu schützen: „Da muss man sich lernen selbst zu schützen. Bewusstsein aufbauen!“

Mentale Gesundheit als Grundlage für Leistung

Wie entscheidend die Psyche für sportlichen Erfolg ist, zeigt das Beispiel Martin Hinteregger. Der ehemalige ÖFB-Teamspieler beendete 2022 überraschend seine Karriere – obwohl er noch einen Vertrag bei Eintracht Frankfurt hatte. In einem Sky-Interview erklärte er offen: „Wenn du im Kopf nicht bereit bist und merkst, dass es nicht mehr geht, kannst du keine Leistung mehr bringen.“ Sein damaliger Trainer Oliver Glasner habe diese Entscheidung nachvollzogen.

Hinteregger über sein damaliges Karriereende: „Nicht mehr bereit im Kopf“

Schorb betont: Werden psychische Beschwerden früh erkannt und behandelt, könne das nicht nur Leid lindern, sondern auch Karrieren verlängern. Dafür brauche es jedoch niederschwellige Angebote – auch für Athlet*innen ohne großes Einkommen. Sportpsychiatrische Ambulanzen an Universitätskliniken bieten hier anonyme und fachgerechte Hilfe.

Enttabuisieren, normalisieren, weiterdenken

Der Weg ist noch lang. Alle Gesprächspartner*innen wünschen sich mehr Offenheit, mehr Prävention und eine gleichwertige Behandlung von mentalen und körperlichen Beschwerden. Mayerhofer formuliert es so: „Es ist wichtig die mentalen und körperlichen Probleme gleichermaßen ernst zu nehmen.“

Mentale Gesundheit ist kein Randthema mehr. Sie ist eine Grundvoraussetzung – für Leistung, für Karrieren und für die Menschen hinter den Erfolgen. Genau das sichtbar zu machen, bleibt eine der wichtigsten Aufgaben im modernen Spitzensport.

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Beitragsbild: Imago/GEPA