Rangnick hofft auf Steigerung gegen Spanien: „In einem Spiel ist alles möglich“
ÖFB-Teamchef Ralf Rangnick beschrieb seine Gefühlslage nach Spielende als „eine Mischung aus Ungläubigkeit, Erleichterung und Freude“. Österreichs Fußball-Nationalteam hat sich Sonntagfrüh in einem denkwürdigen Spiel gegen Algerien beinahe aus dem Turnier verabschiedet. Nach einem 3:3 in allerletzter Sekunde darf die ÖFB-Auswahl am Donnerstag (21.00 Uhr MESZ) im WM-Sechzehntelfinale in Los Angeles gegen Spanien antreten – und will laut Rangnick auch dort ihre Chance suchen.
Die Algerier hatten die ÖFB-Auswahl ab der 70. Minute eingeschläfert – und dann beinahe noch aus dem Turnier gekegelt. „Natürlich hätten wir uns alles Mögliche vorwerfen lassen müssen – auch zurecht, oder vielleicht auch nicht zurecht“, meinte Rangnick. Niemand habe erwartet, dass irgendjemand beim Stand von 2:2 noch ein Tor schieße. „Darauf hingedeutet hat so viel, wie dass plötzlich strömender Regen rausgeht und ein Gewitter“, sagte Rangnick. Riyad Mahrez traf in der 93. Minute dennoch mitten ins Herz der Österreicher.
„Ich konnte das nicht erkennen, auch niemand auf den Tribünen“, sagte Rangnick. „Deswegen war es umso überraschender und umso schwieriger für uns, nochmal eine passende Antwort zu finden.“ Sie kam durch Sasa Kalajdzic, der eine Kopfball-Vorlage von Michael Gregoritsch ebenfalls per Kopf verwertete. „Wenn wir diese Situation 100.000 Mal durchspielen im Training ohne Gegenspieler – dann schießt du in 100.000 Versuchen so ein Tor nicht“, meinte Rangnick. „Dass es trotzdem gelungen ist, spricht für den Zusammenhalt.“
„Zwickt’s mi, i man i tram“
Er sei seit 40 Jahren Trainer, schilderte Rangnick. „Aber ich kann mich nicht einmal im Ansatz an ein Spiel erinnern, das so einen dramatischen Verlauf hatte und so einen unerwarteten Verlauf.“ Er könne es immer noch nicht glauben. „Ich bin eigentlich immer noch so wie in dem Lied: ‚Zwickt’s mi, i man i tram.'“ Nach dem 1:1 im entscheidenden WM-Quali-Spiel gegen Bosnien habe man das nächste Endspiel erfolgreich bestritten. Wieder reichte ein Remis. Rangnick: „Am Ende geht es um das Ergebnis.“
Bei einem 3:3 könne niemand davon ausgehen, dass es ein „Freundschaftsdienst gegenüber irgendjemand war“, meinte der Deutsche. Der Modus mit acht von zwölf Gruppendritten, die ins Sechzehntelfinale aufsteigen, sei so, wie er ist. „Den kann man gut oder schlecht finden. Wir sind erstmal froh, dass wir zum ersten Mal seit 44 Jahren wieder aufgestiegen sind.“ 1982 kamen zwölf Teams in die zweite Runde, mittlerweile sind es 32. In der schweren Gruppe mit Argentinien, Algerien und Jordanien als Zweiter weitergekommen zu sein, sei aber „nicht selbstverständlich“, wie Rangnick betonte.
Erkenntnisse für Spanien
Um kurz nach 2.00 Uhr früh Ortszeit hob die Mannschaft bereits wieder in ihr Teamquartier nach Santa Barbara ab. Auf dem Rückflug wollte das Trainerteam laut Rangnick damit beginnen, sich mit dem kommenden Gegner Spanien zu beschäftigen. „Das ist das nächste Endspiel. Wir müssen schauen, dass wir eine Leistung bringen, die am obersten Level sein muss, um in diesem Spiel eine Chance zu haben“, meinte der Wahl-Salzburger. „Die Chance werden wir suchen, in einem Spiel ist alles möglich.“ Das habe der Turnierverlauf bereits gezeigt.
Einer Steigerung bedarf es aber in jedem Fall. „Wir sind nicht wirklich in die frühen Pressingmomente gekommen“, meinte der ÖFB-Coach. „Immer, wenn wir es im Ansatz versucht haben, haben nicht alle so mitgemacht, wie es normalerweise der Fall sein muss.“
Algerien habe sein Team dadurch in konterähnliche Situationen gebracht. „Wir müssen versuchen, das in den nächsten Spielen besser zu verteidigen als Mannschaft. In 1:1-Duellen haben wir nicht gut ausgesehen. Da werden wir zulegen müssen, vor allem dann, wenn wir eine Chance haben wollen, gegen Spanien weiterzukommen.“ Es sei richtig gewesen, bei 0:0, 1:1 oder 2:2 auch in einem tiefen Block zu verteidigen. „Aber auch das müssen wir in Zukunft aktiver machen. Auch da müssen wir mehr Druck auf den Ball ausüben.“
Hitze unterschätzt, Altstars nicht verletzt
Als Grund für die Probleme führte Rangnick die äußeren Bedingungen und den Spielverlauf an. „Es war für uns nicht einfach, was das Klima angeht. Wir haben das vielleicht ein bisschen unterschätzt.“ Statt der milden, fast kühlen Trainingsbedingungen in Kalifornien herrschte in Kansas City auch am späten Abend noch schwüle Hitze. Rangnick: „Ich bin nicht böse, dass das nächste Spiel in Los Angeles stattfindet, wo wir wieder ganz andere klimatische Voraussetzungen haben.“
Leichte Entwarnung gab Rangnick bei seinen nicht hundertprozentig fitten Altstars Marko Arnautovic und David Alaba, die er zur Pause bzw. nach einer Stunde austauschte. Arnautovic hatte nach Vorarbeit von Alaba „ein wichtiges, schönes Tor gemacht mit einem guten, tiefen Lauf“. Andererseits hätte man im Spiel gegen den Ball stabiler werden müssen und Arnautovic hatte schon die Gelbe Karte gesehen. „Es gab für mich gute Gründe, diesen Wechsel vorzunehmen.“ Das Knie des Rekordteamspielers sei aber keiner davon. „Er hat keine Verletzung.“
Auch Alaba sei nicht verletzt, versicherte Rangnick. „Aber es ist klar, je länger ein Spiel geht, gerade so ein intensives wie dieses, fängt der Muskel wieder an, sich zu melden und ein bisschen zuzumachen.“ Alaba griff sich mehrfach an den hinteren Oberschenkel. „Zu diesem Zeitpunkt war die Frage: Warum soll man dieses Risiko eingehen? Wir haben richtig gute Innenverteidiger im Kader“, meinte der Teamchef. Gegen die Spanier dürfte Alaba aber wie in allen drei bisherigen WM-Partien erneut beginnen. Rangnick: „In dem Spiel können wir tatsächlich nur gewinnen.“ Gegen Algerien hätte das ÖFB-Team beinahe sehr viel verloren.