Von Nagelsmann bis Deschamps: Viel Bewegung im Nationaltrainer-Karussell

Herbe Enttäuschungen und unerfüllte Träume fordern ihren Tribut. Schon während der WM-Vorrunde in Nordamerika wurde der erste Trainer gefeuert, auf das Scheitern folgten bisher mehr als ein Dutzend weitere Trennungen.

Mit Julian Nagelsmann (Deutschland), Ronald Koeman (Niederlande) und Roberto Martinez (Portugal) gingen auch drei Trainer von europäischen Fußball-Großmächten mehr oder weniger freiwillig.

Zudem wurden Sabri Lamouchi bzw. Herve Renard (beide Tunesien), Steve Clarke (Schottland), Miroslav Koubek (Tschechien), Hong Myung-bo (Südkorea), Marcelo Bielsa (Uruguay), Sebastian Beccacece (Ecuador), Carlos Queiroz (Ghana), Jamal Sellami (Jordanien), Javier Aguirre (Mexiko), Zlatko Dalic (Kroatien) und Pape Thiaw (Senegal) abgelöst bzw. haben selbst abgedankt.

Deutschland – DFB-Spitze machte Druck

Julian Nagelsmann hatte unmittelbar nach dem Aus gegen Paraguay im Elfmeterschießen seinen Rücktritt ausgeschlossen. Nach vier Tagen Nachdenkpause und großem Druck der DFB-Spitze nach deren Krisensitzung zog er aber trotz Vertrag bis zur EM 2028 einen Schlussstrich. Mit dem langjährigen Liverpool-Trainer und aktuellen Red-Bull-Fußballchef Jürgen Klopp hat der DFB bereits eine grundsätzliche Einigung erzielt.

Niederlande – Bondscoach konsequent

Beim niederländischen Team haben die Konsequenzen dagegen nicht lange auf sich warten lassen. Am Tag nach der Niederlage im Sechzehntelfinale gegen Marokko im Elfmeterschießen trat Ronald Koeman zurück. „Natürlich hätte ich meine Zeit bei Oranje am liebsten mit dem WM-Titel abgeschlossen. Der Traum ist leider unerfüllt geblieben“, schrieb der Bondscoach, der heftiger Kritik ausgesetzt war. Vor allem der Auftritt mit Fünfer-Abwehrkette wurde dem 63-Jährigen angelastet. Der Wunsch nach begeisterndem Offensiv-Fußball ist in den Niederlanden stets omnipräsent, wer ihn umsetzen soll, ist offen.

Portugal – Coach geht, Ronaldo vielleicht nicht

Bei Portugals insgesamt enttäuschenden WM-Auftritten stand vor allem der 41 Jahre alte Cristiano Ronaldo im Fokus, nach dem Achtelfinal-Aus gegen Spanien ließ er die Frage nach einem Rücktritt zunächst offen. Nicht so Trainer Roberto Martinez. Der Spanier, der trotz aller Kritik am Altstar festgehalten hatte, bestätigte das Ende seiner Amtszeit. Als Nachfolger wurde der 71-jährige Jorge Jesus bestimmt, mit dem Ronaldo bei Al-Nassr zuletzt die Meisterschaft in Saudi-Arabien geholt hatte.

Tunesien – Gefeuert nach einem Spiel

Den ersten Trainer hatte es bereits vier Tage nach dem WM-Start erwischt. Nach der 1:5-Niederlage gegen Schweden wurde Sabri Lamouchi bei Tunesien entlassen. Sein Nachfolger Herve Renard schaffte keine Trendwende. Nach den beiden Niederlagen gegen Japan (0:4) und die Niederlande (1:3) beendete der in Afrika erfahrene und angesehene Trainer schon wieder die Zusammenarbeit.

Schottland – Nach sieben Jahren ist Schluss

Unter Steve Clarke hatten sich die Schotten erstmals nach 28 Jahren wieder für eine WM qualifiziert. Als zweitschlechtester Gruppendritter verpassten die von tausenden trinkfreudigen Fans begleiteten Schotten den Aufstieg, Clarke trat nach sieben Jahren im Amt zurück. Seinen Spielern dankte der 62-Jährige in einem offenen Brief. „Sie verdienen jedes Lob und jede Anerkennung, die ihnen entgegengebracht wird, und es war mir eine große Ehre, ihr Trainer zu sein.“

Tschechien – Schuld sind die Medien

Miroslav Koubek wollte trotz Tschechiens sang- und klanglosem WM-Abschied mit nur einem Punkt zunächst seinen Vertrag erfüllen, der Druck auf den 74-Jährigen wurde aber zu groß. Koubek machte für seinen Rücktritt die Medien mitverantwortlich. „Zu meiner Entscheidung beigetragen hat auch eine Medienkampagne gegen mich, die auf zahlreichen Halbwahrheiten und Falschdarstellungen beruhte“, sagte Koubek.

Südkorea – Machtwort des Staatspräsidenten

Die Enttäuschung in Südkorea erfasste sogar Präsident Lee Jae-myung, der von den Ergebnissen „verblüfft“ gewesen sei, sie als „absurd“ empfand, die „auf Versäumnisse in der Organisation und im Personalwesen zurückzuführen“ seien. Trainer Hong Myung-bo zog postwendend die Konsequenz und trat zurück. Des Volkes Wut liegt wohl auch an Berichten, wonach die Ernennung des 57-Jährigen durch Freunderlwirtschaft begünstigt worden sei. Wenige Tage später folgte auch Verbandspräsident Chung Mong-gyu.

Uruguay – Skurriler Abgang

Schon vor dem Turnier hatte Marcelo Bielsa angekündigt, dass er nach der WM als Trainer Uruguays aufhören werde. Das Kapitel endete dann sieglos in der Vorrunde und mit einer denkwürdigen 100-Minuten-Pressekonferenz. „Wovon ich absolut überzeugt bin, ist, dass es niemanden interessiert, was ich weiß“, fasste der 70-Jährige die Malaise zusammen. Er habe eine „perfekte“ Erklärung, warum der zweifache Weltmeister nicht mit sieben Punkten aufstieg, sondern mit zwei Punkten heimfuhr.

Ghana – Abschied nach drei Monaten

Im Sechzehntelfinale war gegen Kolumbien Schluss – und Coach Carlos Queiroz zog den seinen für sich. Das Amt hatte der 73-jährige Portugiese erst im April nach den zwei Testspiel-Niederlagen gegen Österreich (1:5) und Deutschland (1:2) von Otto Addo übernommen. So schaffte er es noch einmal zu einer WM, es war seine fünfte in Serie als Coach.

Jordanien – Aus für Coach von Österreich-Gegner

Der Marokkaner Jamal Sellami hat seinen Platz in der Historie des jordanischen Fußballs sicher – erstmals führte der Coach das Land zu einer WM. Nach einer punktlosen Vorrunde, die mit einem 1:3 gegen das ÖFB-Team begonnen hatte, war das Debüt vorbei. Eine Woche nach der Heimreise folgte die Trennung vom Trainer, der aber „ein geliebter Sohn“ bleibe, wie Verbandspräsident Prinz Ali bin Al Hussein hervorhob.

Ecuador – Abgang trotz Siegs gegen Deutschland

Sebastian Beccacece nahm es mit Würde. „Die Ergebnisse geben den Ton an, und heute muss ich mich von einer wunderschönen, wunderbaren Familie verabschieden“, sagte der Chefcoach nach dem 0:2 im Sechzehntelfinale gegen Mexiko. Er verabschiede sich mit „großer Dankbarkeit, großer Gelassenheit und innerem Frieden, denn wir haben alles gegeben“. Und immerhin Deutschland 2:1 geschlagen. Ein gelungener Schlusspunkt, nachdem der argentinische Trainer in Ecuador monatelang kritisiert worden war.

Mexiko – Dritte Amtszeit zu Ende

Javier Aguirre bestätigte nach der dramatischen 2:3-Achtelfinal-Niederlage gegen England das Ende seiner dritten Amtszeit als Coach der Mexikaner. Der Trainerposten beim WM-Gastgeber geht nun wie geplant an Rafael Marquez. Die 47 Jahre alte Ikone arbeitete bereits seit zwei Jahren im Betreuerstab von Aguirre.

Kroatien – Erfolgstrainer geht

Weniger als eine Woche nach dem 1:2 gegen Portugal und dem enttäuschenden Sechzehntelfinal-Aus hat Zlatko Dalic seine erfolgreiche Amtszeit beendet. Der 59-Jährige war neun Jahre Teamchef, unter seiner Führung wurde Kroatien 2018 Vize-Weltmeister und 2022 in Katar Dritter.

Senegal – Sechzehntelfinale für Thiaw-Verbleib zu wenig

Der 45-jährige Teamchef Pape Thiaw muss nach einem enttäuschenden Turnier den Hut nehmen. Trotz Niederlagen in den Gruppenspielen gegen Frankreich und Norwegen war man in die K.o.-Phase aufgestiegen. Im Sechzehntelfinale kam trotz 2:0-Führung das Aus gegen Belgien (2:3 n. V.). Laut Medienberichten gehört der französische Weltmeister Patrick Vieira, der in Dakar geboren wurde, zu den Favoriten für die Thiaw-Nachfolge.

Frankreich – Kommt nun Zidane?

Ob mit WM-Pokal in der Hand oder ohne – für Didier Deschamps wird nach diesem Turnier und 14 Jahre als französischer Nationaltrainer Schluss sein. Als Nachfolger steht Zinedine Zidane bereit, sein weltmeisterlicher Mitspieler von 1998.

Österreich, Australien und Algerien – Konstanz zählt

Einige Verbände entschieden sich auch für einen Vertrauensvorschuss unmittelbar vor der WM. Dazu gehörte etwa der Österreichische Fußball-Bund, der seine Zusammenarbeit mit Ralf Rangnick als ÖFB-Teamchef wenige Tage vor dem WM-Anpfiff ausdehnte. Auch die Verbände von Australien oder etwa Algerien verlängerten die Verträge von Tony Popovic bzw. Vladimir Petkovic frühzeitig.

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