Infantino beruft FIFA-Krisensitzung ein – Neue Vorwürfe gegen FIFA
Inmitten der schwersten Krise seiner Amtszeit und neuer Vorwürfe hat sich Gianni Infantino mit weiterem Spitzenpersonal des Fußball-Weltverbands FIFA zu einer Notfallsitzung in der marokkanischen Hauptstadt Rabat getroffen. Über den Inhalt der Gespräche wurde zunächst nichts bekannt. Infantino verbrachte die vergangene Woche in Marokko, das 2030 WM-Mitausrichter sein wird und dessen Fußballverband seine anhaltende Unterstützung für ihn bekundet hat.
Das Treffen wurde weithin als Versuch gewertet, die Unterstützung für den FIFA-Chef zu stärken und sicherzustellen, dass er mit ausreichendem Rückhalt aus der Krise hervorgeht, um auch im März 2027 der Favorit für eine Wiederwahl zu bleiben. Auch diese Wahl findet in Rabat statt.
„Erpressung“: Verbandspräsident von ÖFB-WM-Gegner kritisiert Infantino
In den Reihen der FIFA hatte sich im Zuge des gescheiterten Investoren-Deals, den Infantino offenbar eigenmächtig geplant hatte, Widerstand gebildet. Laut BBC sollten beim Treffen im FIFA-Afrika-Büro unter anderem Generalsekretär Mattias Grafström und Finanzchef Thomas Peyer teilnehmen. Der Schwede Grafström hatte zuletzt angesichts des gescheiterten Plans zum Teilverkauf von WM-Rechten in einer internen Mail an FIFA-Mitarbeiter eine „traurige und tadelnswerte Reihe von Ereignissen“ sowie einen „Aufruhr“ beklagt.
Widerstand formiert sich
Infantino hatte zuletzt für eine Welle der Empörung in der Fußball-Welt gesorgt, als die Pläne bekannt wurden. Der FIFA-Chef lenkte zwar ein und verwarf die Idee – dennoch formiert sich vor allem in Europa heftiger Widerstand gegen ihn. Die aktuelle Krise könnte das Ende von Infantinos inzwischen zehnjähriger Amtszeit als FIFA-Präsident bedeuten. Nach Abschluss der WM in den USA, Mexiko und Kanada vor zweieinhalb Wochen schien seine erneute Wiederwahl beim Kongress 2027 noch alternativlos zu sein.
Nun haben sich bereits eine Handvoll europäischer Staaten von dem Amtsinhaber abgewendet. Auch der kanadische Premierminister Mark Carney stellte am Mittwoch Infantinos Führungsqualitäten in Frage und erklärte, er habe das Vertrauen in den FIFA-Präsidenten verloren, nachdem er erfahren habe, dass hochrangige Berater zu dem verworfenen Vorschlag nicht konsultiert worden seien.
Der ehemalige portugiesische Fußballstar Luis Figo, der 2015 für das Amt des FIFA-Präsidenten kandidieren wollte, bevor er seine Kandidatur zurückzog, bezeichnete Infantinos Verhalten als das „niedrigste, hinterhältigste und eigennützigste“, das er je gesehen habe. „Ich könnte 10.000 Wörter über die Probleme bei der FIFA schreiben. Aber die Lösung braucht nur drei: Infantino muss gehen“, schrieb Figo in einer Kolumne der „Daily Mail“. UEFA-Vizepräsidentin Laura McAllister sagte, Infantinos Führung habe einen Krisenpunkt erreicht.
Erpressungsvorwürfe aus Jordanien
In der aktuellen Krise sieht sich Infantino nun auch Erpressungsvorwürfen ausgesetzt. Der Chef des jordanischen Fußball-Verbandes, Prinz Ali bin al-Hussein, behauptet, dass seinen Teamspielern in den vergangenen Monaten von der FIFA Gelder vorenthalten worden seien. „Bis mir während der Weltmeisterschaft mündlich mitgeteilt wurde, dass es unserem Fußballverband sehr helfen würde, wenn ich Infantino unterstütze“, schrieb al-Hussein dazu auf der Plattform X. „Wir haben ihn bisher nicht unterstützt und werden das auch jetzt ganz sicher nicht tun“, stellte der Prinz klar und ergänzte: „Aber die gesamte Situation läuft auf Erpressung hinaus und wir weigern uns, das zuzulassen.“
Prinz Al-Hussein war 2016 im Rennen um die Präsidentschaft des Weltverbands gegen Infantino angetreten, hatte aber keine Chance. Von 2011 bis 2015 war er als Vizepräsident im mächtigen Exekutivkomitee der FIFA. Nun schilderte der Funktionär, dass der Weltverband den jordanischen Spielern noch Geld schulde. Als Zweitplatzierte des FIFA Arab Cups im Dezember 2025 stünde Jordanien noch ein Preisgeld zu, das Medienberichten zufolge 4,2 Millionen Dollar (3,65 Mio. Euro) beträgt.
Wirbel um WM-Endspiel 2030
Unterdessen ist ein Bericht, wonach Infantino Marokko die Austragung des WM-Endspiels 2030 versprochen habe, vom Weltverband zurückgewiesen worden. Zuvor hatte die „Times“ berichtet, dass nach dem Willen des stark in der Kritik stehenden FIFA-Bosses das Finale im neuen Hassan II Stadium mit 115.000 Plätzen in Casablanca stattfinden solle. Dies wäre ein großer Affront gegen Spanien und damit auch Europa. Spanien trägt zusammen mit Portugal und Marokko die WM 2030 aus. Dazu finden die ersten drei Spiele in Südamerika (Uruguay, Argentinien und Paraguay) statt.
„Es ist falsch und irreführend zu behaupten, der FIFA-Präsident habe irgendein Versprechen bezüglich der Austragung des Finales der FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft 2030 abgegeben. Eine Entscheidung wird von der FIFA zu gegebener Zeit getroffen“, teilte der Weltverband auf dpa-Anfrage mit.
