Trotz Generalkritik: Emotionaler Tuchel lässt England träumen
Während ganz England vom ersten WM-Titel seit 1966 träumt, stapelt Trainer Thomas Tuchel tief. Der lange kritisch beäugte Architekt des Erfolgs sieht seine „Three Lions“ noch lange nicht am Ziel.
„Wir haben uns das Leben heute sehr, sehr schwer gemacht“, haderte Tuchel nach dem umkämpften 2:1-Erfolg im WM-Viertelfinale gegen Norwegen. „Das Ergebnis ist fantastisch. Wir sind im Halbfinale, das ist herausragend. Aber ich bin nicht glücklich mit der Leistung.“ Der Trainer der englischen Nationalmannschaft erläuterte: „Das Commitment ist da. Aber wir haben uns das Leben sehr schwer gemacht, mit der Art und Weise, wie wir gespielt haben: Schlampig, mit vielen technischen Fehlern, nicht schnell genug, nicht repetitiv genug. Wir hatten heute Glück!“
Deutliche Worte und eine deutliche Botschaft: So wird das gegen die Top-Nationen wie Halbfinalgegner Argentinien beziehungsweise Frankreich oder Spanien (mögliche Finalgegner) nicht reichen. „Wenn sie nochmal spielen, wie seit dem Kroatien-Spiel fast jedes Spiel, ist in der nächsten Runde Schluss“, mahnte Rio-Weltmeister Mats Hummels nach dem Spiel. „Vielleicht haben sie nochmal Glück und kommen ins Finale. Aber du schlägst auf keinen Fall Frankreich oder Spanien mit so einer Leistung!“
Bellingham kontert Tuchel
In typischer Tuchel-Manier möchte der Trainer die letzten Prozentpunkte aus seinem Team herauskitzeln. Eine Methode, die nicht immer auf Zuspruch stößt. Der überragende Jude Bellingham wurde nach seinem Doppelpack deutlich: „Vielleicht weiß er nicht, wie es ist, unter solchen Bedingungen gegen Erling Haaland, Ödegaard, Nusa und Sörloth zu spielen“, holte der Real-Star aus.
„Das ist keine einfache Mannschaft, gegen die man antritt. Man gewinnt nicht jedes Spiel, indem man den Ball laufen lässt und tausend Pässe spielt. Manchmal muss man dreckig gewinnen – und das haben wir heute Abend wieder geschafft.“
Von einer Mentalitätsdebatte wollte ein emotionaler Tuchel ohnehin nichts wissen: „Es ist kein Mentalitätsproblem. Das ist pure Mentalität. Das kannst du in Flaschen abfüllen und verkaufen. Warum soll es an der Mentalität liegen? Es liegt an der Qualität unseres Spiels. Das hat mit Mentalität nichts zu tun!“
Fans stehen hinter Tuchel – und träumen
Dass Tuchel sich nicht scheut, den Finger in die Wunde zu legen und auch mal mit eigenen Akteuren anzuecken, ist kein Geheimnis. Unterm Strich steht aber das Streben nach maximalem Erfolg – und nach dem großen Coup: Mit dem Halbfinaleinzug lebt der Traum vom ersten WM-Titel seit 1966, die „It’s coming home“-Gesänge gehen wieder einmal um die Welt.
Tuchel hat daran einen enormen Anteil, wird auch bei den kritischen England-Fans von Runde zu Runde beliebter. Die harsche Generalkritik kommt im Land überwiegend gut an. Die Anhänger der „Three Lions“ stehen inzwischen hinter ihrem Coach, der auf der Insel auch schon für die ein oder andere Kontroverse gesorgt hatte – beispielsweise die jüngste Kadernominierung mit dem Verzicht auf Superstars wie Cole Palmer, Phil Foden und Trent Alexander-Arnold oder auch „Nicht-Leistungen“ vor dem großen Turnier wie die 0:1-Niederlage gegen Japan Ende März in Wembley samt Pfeifkonzert.
Inzwischen genießt der ehemalige Trainer von Mainz 05, Borussia Dortmund, Paris Saint-Germain, Chelsea und dem FC Bayern München hohes Ansehen in England, hat sogar einen eigenen Fan-Song erhalten: „Football’s coming home again, with Thomas Tuchel“, skandieren die Zuschauer regelmäßig auf den Tribünen und außerhalb der Stadien.
Der lange kritisch beäugte Architekt des Erfolgs hat das ganze Land hinter sich gebracht und sieht seine „Three Lions“ noch lange nicht am Ziel: „Wir werden uns verbessern. Wir müssen uns verbessern“, betonte Tuchel: „Jetzt ist erstmal feiern, genießen, alles aufsaugen. Wir haben drei Tage. Wir werden alles brauchen.“
