Rangnick am Tag nach dem Algerien-Drama: „Gibt uns zusätzlich Kraft“

Der Tag danach. Im Quartier der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft in Santa Barbara schien selbst in der Früh schon die Sonne, die sich dort üblicherweise erst am späten Vormittag blicken lässt. Teamchef Ralf Rangnick berichtete nach dem 3:3 in Kansas City gegen Algerien von einer kurzen Nacht.

Wenn er die Wahl hätte, würde er sich im Rückblick aber wieder für den dramatischen Verlauf entscheiden. „Dieses Spiel kann uns noch einmal richtig zusätzliche Energie geben.“

In der 96. Minute hatte der Sekunden zuvor eingewechselte Sasa Kalajdzic die Österreicher vor dem WM-Aus bewahrt – keine drei Minuten nach Algeriens unerwarteter Führung durch Riyad Mahrez. Beim Aufwachen am Tag danach hätten sich laut Rangnick viele Akteure gefragt: „Haben wir das nur geträumt, oder ist es wirklich passiert? Es hat etwas Surreales gehabt. So ein Wechselbad der Gefühle habe ich in 40 Jahren Trainertätigkeit noch nicht einmal annähernd gehabt“, versicherte der Deutsche, der am Montag seinen 68. Geburtstag feierte.

Seinen Spielern gab Rangnick für den Montag frei, um noch einmal Zeit mit ihren Familien zu verbringen. Sonntagmittag absolvierten die Akteure, die gegen Algerien nur kurz oder gar nicht zum Einsatz gekommen waren, ein Spielersatztraining. Die stärker belasteten Kicker regenerierten im Fitnesszelt. Bis zum Sechzehntelfinale gegen Spanien am Donnerstag (21.00 Uhr MESZ) in Los Angeles sind in Santa Barbara noch zwei Trainings angesetzt. Mittwochmittag (Ortszeit) geht es in die nahe gelegene kalifornische Metropole.

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Rangnick: „Nächste Ausnahmesituation“ gegen Spanien

Der Aufstieg hätte einen „extrem hohen Stellenwert“, meinte Rangnick. Was davor in den algerischen Köpfen vorgegangen sei, könne er immer noch nicht sagen. „Vielleicht wollte Mahrez dann doch noch mal so zum Volksheld werden in Algerien.“ Aufgestiegen wären die Nordafrikaner auch bei 2:2 gewesen – sogar mit dem vermeintlich leichteren Gegner Schweiz. „Wir waren alle in der Schockstarre, im Schockzustand. Aber wir haben es geschafft. Das gibt uns noch einmal zusätzlich Kraft für den weiteren Turnierverlauf“, erklärte Rangnick.

Nun wartet Mitfavorit Spanien. „Jetzt haben wir die nächste Ausnahmesituation, wir spielen gegen den amtierenden Europameister“, sagte der Teamchef. „Dass wir ein paar Dinge besser machen müssen, wenn wir da eine Chance haben wollen, das wissen wir.“ Gegen Weltmeister Argentinien hatte sein Team seine bisher beste Turnierleistung gezeigt – und dennoch mit 0:2 verloren. Bei einem Torverhältnis von 6:6 nach drei Spielen ortete Rangnick vor allem „im Abwehrverhalten der gesamten Mannschaft Luft nach oben“.

Seine Spieler seien selbstkritisch genug. „Wir haben noch nicht unser Leistungsmaximum erreicht.“ Mit Christoph Baumgartner fehle einer der wichtigsten Spieler verletzt. Auch andere Akteure, darunter wohl die Altstars David Alaba und Marko Arnautovic, seien „kräftemäßig“ noch nicht bei 100 Prozent ihres Leistungsvermögens, wie Rangnick erklärte. Die Strapazen der Reise ins heiße Kansas City waren seinen Kickern anzusehen – ganz zu schweigen von den emotionalen Eindrücken, die zu verarbeiten waren. Rangnick: „Die Mentalität der Mannschaft war in den letzten vier Jahren aber immer so: Wenn es darauf ankam, waren wir da.“

Mitgefühl für Iran

Am Tag nach der Erreichung des ersten Zwischenzieles dachte Rangnick aber auch an jene, die es in der Gruppenphase unglücklich erwischt hatte – allen voran den Iran, der als achtbester Gruppendritter ins Sechzehntelfinale aufgestiegen wäre, wenn es zwischen Österreich und Algerien einen Sieger gegeben hätte. „Wenn ich mich in die Lage des Iran hineinversetze, muss das auch eine ganz extreme Situation gewesen sein“, sagte der ÖFB-Coach und erinnerte an das in der Nachspielzeit nach VAR-Entscheidung aberkannte Tor der Iraner gegen die Türkei (1:1). „Das ist schon sehr bitter. Das tut mir sehr leid für den Iran, aber so ist der Fußball.“

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